Timm Klotzek: „Die kulturellen Folgen sind das, was interessiert“

Klotzek: „Jede Innovation muss vor die Frage gestellt werden, was ihre Auswirkungen sein werden – und vor allem, was sie wirklich mit meinem Leben zu tun hat.“

Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ überrascht immer wieder mit originellen Beiträgen zu Innovationsprozessen und Technikthemen. Timm Klotzek, Chefredakteur des „SZ-Magazins“, erläutert im Interview, wie solche Themen den Weg ins Heft finden, wie er die Interessen seines Publikums einschätzt und warum Technik manchmal ein zu weites Feld ist.

Herr Klotzek, in der Vorbereitung für den Deutschen Preis für Innovationsjournalismus gehen wir gerade verschiedene Medien durch und schauen, was es zu den Themen „Innovation“ und „Technik“ überhaupt gibt. Dabei haben wir bemerkt, dass das „SZ-Magazin“ vergleichsweise viele Technik-Geschichten veröffentlicht. Ist Ihnen das bewusst? Oder denken Sie gar nicht in solchen Kategorien?

Timm Klotzek_ Wir haben keine Quoten. Wir sagen nicht, dass wir bei Politik in etwa vier Prozent unter Plan sind und bei Technik eine Übererfüllung haben. Es geht bei uns sehr nach der Leidenschaft der Redaktion. Das ist möglicherweise anders als in anderen Redaktionen, in denen es eine bestimmte Fachzuordnung gibt. Eine „SZ-Magazin“-Konferenz beginnt aber tatsächlich mit der Frage: Was hat euch – im Positiven wie im Negativen – gerade bewegt? Über was habt ihr euch geärgert, was ist im Kopf geblieben, über was redet man auch im privaten Kreis? Das finde ich sehr interessant: Was im Kopf bleibt, wird in die Konferenz getragen. Dabei kann es sein, dass die Faszination Technik den einen oder anderen mehr beschäftigt als der schwelende Nahost-Konflikt oder das Fußballgedümpel von Hoffenheim. Dann kommt das auf die Agenda, wird diskutiert und rutscht im besten Fall ins Heft.

Das heißt, die Themen kommen von Ihnen und werden nicht etwa von freien Autoren an Sie herangetragen?

Klotzek_ Das ist unterschiedlich. Das „SZ-Magazin“ ist im Kern sicher nicht darauf angewiesen, dass Ideen von außen kommen, aber sehr gute Ideen sind auch sehr gern gesehen. Es ist sicher kein solch hermetisch abgeriegelter Laden wie beispielsweise der „Spiegel“, den ich zumindest so einschätzen würde. Es ist aber auch nicht so, dass wir eine ganz kleine, händeringende Redaktion wären, die nehmen muss, was von außen kommt. Im besten Fall arbeiten wir entweder mit sehr guten Autoren zusammen, oder Autoren wenden sich mit klugen Ideen an uns, weil sie das Gefühl haben, das „SZ-Magazin“ ist ein interessantes Medium, um diese Geschichte zu publizieren.

Auslöser für meine Vermutung war die Geschichte „Unser heimlicher Chef“ in der Ausgabe 07/2012. Da ging es um das intelligente Bürohaus. Wie kam diese Geschichte überhaupt zustande?

Klotzek_ Der Auslöser war unser Gebäude hier, das ja relativ modern ist. Am Aufzug muss man beispielsweise schon außen drücken, wo man hin will, die Jalousien machen, was sie wollen, die Heizung entscheidet selbst. Unser Gefühl ist manchmal, dass wir diesem Haus völlig ausgeliefert sind. Aus einem Gewitzel im Fahrstuhl wird dann tatsächlich eine Idee, Anlass war dann auch eine Buchveröffentlichung zum Thema, in der solch ein Haus Ernst macht.
Dann spricht man mit anderen Leuten und bemerkt, dass es eine Alltagserfahrung ist, die viele nachempfinden können. Im Idealfall ist es eine identifikatorische Geschichte, weil ganz viele Leser diese Situation kennen. Dann folgte von einem Fachjournalisten, der sich bereits länger mit Architektur und Gebäudeautomation beschäftigt hatte, eine etwa vierwöchige Recherche. Solch eine Geschichte ist dann auch nicht unter sechs Wochen machbar.
Und anschließend muss man auch noch dem Illustrator sagen, worum es geht. Das ist kein Schnellschussjournalismus, aber sicherlich auch keine Meisterleistung der langfristigen Recherche.

Den Deutschen wird ja oftmals nachgesagt, sie seien technikfeindlich. Wie schätzen Sie da Ihr Publikum ein?

Klotzek_ Unsere Leserschaft leitet sich aus der Leserschaft der „Süddeutschen Zeitung“ ab. Die ist etwas jünger, etwas optischer orientiert. Unsere Leserschaft ist weltoffen und auch dem Konsum gegenüber durchaus aufgeschlossen. Das finde ich grundsätzlich gut. Diese Leute sagen nicht, „ich will nichts, ich brauche nichts, komm mir bitte nicht mit neuen Sachen“. Aber es sind sicher auch keine Gadget-Junkies. Deshalb wird vom „SZ-Magazin“ sicher nicht verlangt, Innovation oder Pseudo-Innovation marktschreierisch darzubieten.
Das ist eine sehr angenehme Ausgangsbasis für uns. Wir hatten vor längerer Zeit mal eine Titelgeschichte zu der Frage, warum es immer noch nicht möglich ist, einen einzigen Stecker zu haben, um alle Geräte aufzuladen. Das interessiert einen natürlich erst, wenn man überhaupt mehrere Geräte hat – aber wir wollen ja auch nicht „Wired“ rechts überholen mit der Frage, was es Neues auf dem Gadget-Markt gibt.

Uns fällt auf, dass oftmals gesellschaftliche Bezüge zur Technik hergestellt werden. So auch bei der Geschichte über Gebäudetechnik. Es geht nicht um die bloße Technik der Automation, sondern um die Frage, was diese mit uns macht. Das ist letztlich auch das, was wir uns unter dem Stichwort Innovationsjournalismus vorstellen: keine reine Erklärung, wie etwas funktioniert oder was es Neues gibt, sondern zu analysieren, was es für soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Auswirkungen gibt. Da stoßen wir immer wieder auf die Frage, wo denn die Autoren sind, die so weit denken können und in der Lage sind, diese Themen so vielschichtig zu betrachten?

Klotzek_ In schlechten Momenten stelle ich mir diese Frage auch schon mal. In guten Momenten ist es klassisches Blattmacherhandwerk: Unsere Arbeit ist vergleichbar mit der eines Türstehers, der bei Ideen relativ streng auswählen muss, wer reinkommt und wer nicht. Diese Gatekeeper-Funktion kann sich das „SZ-Magazin“ auch leisten. Wir können drei Stunden konferieren und dabei dann etwa 20 Themen sehr intensiv besprechen. Es kann gut sein, dass ich dann am Ende drei davon bestelle und zwei sich im Zuge der Recherche als gar nicht so spannend herausstellen. Da kann es sein, dass auch in einer dreistündigen Konferenz mit 15 Redakteuren nur ein Thema geboren wird. Diese Arbeitsweise macht zwar Spaß, aber am Ende müssen wir immer ausreichend spannende Themen liefern.
Jede gute Geschichte muss auf zwei Ebenen funktionieren: Jede Innovation muss vor die Frage gestellt werden, was ihre Auswirkungen sein werden – und vor allem, was sie wirklich mit meinem Leben zu tun hat. Die reine Technik ist es ja nicht, es sind die Folgen im Umgang. Facebook ist eine irgendwie programmierte Seite – der Algorithmus dahinter ist dem „SZ“-Leser egal. Die kulturellen Folgen sind das, was interessiert.

Wir haben mal darüber nachgedacht, ob es nicht eine sinnvolle Möglichkeit wäre, für solche Themen journalistische Teams einzusetzen. Wenn man beispielsweise über E-Government berichten möchte, braucht man jemanden, der versteht, wie das Ganze informationstechnisch läuft, jemand muss die juristischen Hintergründe durchschauen und jemand muss die politische Dimension einbringen. Halten Sie es für realistisch, solche Themen von Journalisten-Teams bearbeiten zu lassen?

Klotzek_ Ja. Ich bin grundsätzlich Anhänger von Teamarbeit. Guter Magazinjournalismus kann nur funktionieren, wenn Autor und Fotograf miteinander arbeiten, Layout eingebunden wird und auch derjenige, der Überschrift und Vorspann macht, vom Thema überzeugt ist.
Dann ist es immer eine Einzelfallfrage: Ist der Autor innerhalb seiner Autorenschaft teamfähig? Es gibt Leute, die können ihr Thema splitten, es gibt aber auch Autoren, die zu dieser Art der Arbeit gar nicht in der Lage sind. Die müssen jedes Detail selbst recherchieren, können diese Aspekte dann aber auch in einen Zusammenhang bringen. Das sind dann in der Regel eher Leute, die über die kulturelle Schiene darauf gekommen sind.
Es ist im Prinzip eine Einzelfallfrage. Aber grundsätzlich sind Arbeitsteilung und Teamfähigkeit etwas, das ich eher zur Qualitätssteigerung zählen würde.

Sie decken ein sehr breites Themenspektrum ab, teilweise sogar mit monothematischen Heften, wie Mode oder Reisen. Ein wenig böse gesagt: überall dort, wo es einen Anzeigenmarkt gibt. Beim Thema Technik habe ich das bislang noch nicht erkennen können.

Klotzek_ Der Anzeigenmarkt ist sicher nichts, was vom Himmel fällt. Er entsteht dort, wo ein Leserinteresse ist. Erst kommen die Menschen, die sich für Mode interessieren, dann folgen die Modeanzeigen. Modehefte sind ein gutes Beispiel, dass ein Leserbedarf da sein muss, damit ein Anzeigenkunde überhaupt bei uns schaltet. Wir machen zweimal im Jahr ein Modeheft. Das letzte unter dem Motto „200 Jahre Gebrüder Grimm“. Da sind wir wieder bei diesen zwei Ebenen, von denen ich vorhin schon mal sprach: Man sollte das Modeheft im Idealfall auch mögen, obwohl man sich für die Mode selbst gar nicht interessiert. Technik ist per se ein viel zu großes Feld, um sagen zu können, Menschen interessierten sich dafür. Mode und Reisen sind da viel kleinere Felder. Während es beim Reisen darum geht, dass ich in A wohne und nach B möchte, gibt es bei Technik ein viel weiteres Spektrum: Was halte ich vom iPad-Mini, wie ist der Stand der Dinge beim Elektroauto, warum klage ich über das automatisierte Büro?
Es kann sogar sein, dass Techniken, die gar nicht so weit auseinander liegen, bei verschiedenen Personen unterschiedliche Reaktionen auslösen: Die Person, der ihr altes Handy reicht, kann sich total von den selbstdenkenden Jalousien im Büro terrorisiert fühlen, und dabei null Interesse an der iPad-Entwicklung haben – das würde ich auf dem Mode- und Reisemarkt wahrscheinlich nicht finden: Jemand, der sich für eine Reise nach Spanien interessiert, wird bei einer Geschichte über Portugal nicht gleich ablehnend reagieren.
Deswegen ist Technik ein Feld, bei dem es uns sicher nicht leicht fallen würde, ein Themenheft zu machen. Wenn ich das dem Technikmarkt anbieten würde, wüssten die Unternehmen gar nicht, wen ich ansprechen möchte. Mini oder Miele oder Gravis? Wo liegt da der Schwerpunkt?
Das weite Feld ist tatsächlich eine Schwierigkeit, wenn man über Technikberichterstattung nachdenkt. Die ganze Lifestyle-Technik geht fast schon in Mode über, und der Chip in der Waschmaschine ist eher versteckt. Gerade das könnten aber spannende Themen sein, weil man so selten darüber nachdenkt.

Sie erwähnten eben das iPad, das ein Beispiel für eine Markteinführung ist, die von den Medien zum Thema gemacht wurde, ohne ein echtes Thema zu sein. Neue Produkte kommen täglich auf den Markt. Interessant an Innovation ist ja eher der Prozess dahinter: Es gibt irgendwo ein Problem, dann irgendwann eine Lösung. An welcher Stelle sehen Sie da den spannendsten Moment für die Berichterstattung?

Klotzek_ Das ist die Kernfrage, die man sich als Blattmacher stellt: Wann bringe ich eine Geschichte? Die Urfrage, die ich an jede Geschichte stelle, ist: Was hat das mit dem Leben meiner Leser zu tun? Es kann sein, dass ich eine Geschichte veröffentlichen möchte, wenn das Thema auf breite Weise im Leben meiner Leser präsent wird, wenn es sozusagen schon jeder kennt. Über Haustechnik und ihre Folgen ist sicher besser zu berichten, wenn viele Leser die Probleme mit Heizung und Lüftung nachvollziehen können.
So eine Geschichte finde ich besser getimed, wenn die Leute Erfahrung damit haben. Man hätte auch darüber berichten können, als das erste Bürogebäude in Japan damit ausgestattet worden ist. Dann hätten die Leute gesagt, „diese verrückten Japaner“. Ich finde es besser, wenn es im Alltag der Leute angekommen, aber noch nicht in anderen Medien so häufig durchgekaut worden ist, dass es nicht mehr neu ist.
Aufs Surfen übertragen würde man sagen, man sollte die Berichterstattung machen, wenn die Welle sehr hoch ist und noch nicht bricht. Es gibt aber auch Themen, von denen ich denke, wir sollten sie möglichst früh betrachten, damit die Leser das Gefühl bekommen, einen tatsächlichen Vorsprung zu haben. Dann ist aber eben die zweite Ebene ganz wichtig: wenn wir sehen können, dass etwas große kulturelle oder gesellschaftliche Konsequenzen haben wird. Wenn man dann einfach nur sagt, dass es in Ungarn eine Fabrik für etwas gibt, die so und so funktioniert, fragt der Leser „Ja, und?“. Aber wenn wir sagen, das wird die Atombombe ablösen, und dann ist es die ultimative Waffe, kann man auch eine frühe Berichterstattung machen.
Und dann gibt es noch Themen, die auch aus der Technik kommen, aber fast nur unterhaltend sind. Wir hatten beispielsweise eine kleine Geschichte über Zufallszahlen, die sehr wichtig für die Mathematik sind: Reihen von zufällig ausgewählten Zahlen sind sehr schwierig zu generieren. Ein Computer, der immer nach irgendwelchen Algorithmen arbeitet, kann keinen Zufall generieren. Zufall braucht man aber für viele Dinge. Jetzt sind Forscher darauf gekommen, Zufallszahlen auf Lichtbasis zu generieren. Ich weiß nicht, ob es einen großen Einfluss haben wird – aber es ist auf jeden Fall eine interessante Geschichte.

Die Bewertung von Entwicklungen sollte man ja generell für eine der wichtigeren journalistischen Aufgaben halten. Was Technik angeht, habe ich den Eindruck, dass es oftmals im Erklären stecken bleibt. Der interessante Punkt wäre aber, Technik kompetent eingeordnet zu bekommen, mit dem Hinweis, ob das jetzt etwas Gutes oder Schlechtes ist. Und das ist eher selten.
Für wie wichtig halten Sie die Beurteilung technischer Entwicklungen und für wie schwierig?

Klotzek_ Nennen Sie mal ein Beispiel …

… wir könnten etwa die Entwicklung des Smartphones nehmen, die ja die ganze Gesellschaft verändert. Ich möchte nicht nur erklärt bekommen, wie das funktioniert, sondern welche Auswirkung endas auf bestimmte Lebensgebiete hat.

Klotzek_ Es ist vielleicht ein in sich zu großes Feld, um eine einzige Erklärung zu geben. Wir hatten mal eine Modegeschichte, die davon handelte, dass es durch die Smartphones seit relativ kurzer Zeit eine neue Form der Gesichtsbeleuchtung gibt. Wenn Leute im Dunkeln auf ihr Smartphone schauen, werden sie von unten angeleuchtet. In Kombination damit, dass Menschen in Kneipen nicht mehr rauchen dürfen, werden Menschen ganz neu illuminiert. Wir haben dann quasi eine Technikstrecke daraus gemacht, wie Smartphones Gesichter beleuchten.
Zum Thema W-LAN-Netze haben wir mal eine Geschichte über interessante Netznamen gemacht: Was früher die Fußmatte war, die sich mehr oder weniger lustig präsentiert hat, ist es heute der W-LAN-Name, der in der Nachbarschaft zur Geltung kommt. Diese zwei Geschichten, die sich ja beide mit der Popularität einer ähnlichen Technik befasst haben, lassen sich dennoch nicht generell einordnen.
Manchmal gibt es das naive Verlangen, dass mir jemand erklären soll, wozu ich eine Technik brauche. Geht es ums Telefonieren, ums Spionieren, um Ästhetik? Geht es darum, dass ich jetzt weniger Zeitung lese, weil ich so viele Alternativangebote habe? Man kann nicht mit einer einzelnen Geschichte beantworten, was dieses Smartphone bedeutet.
Ich selbst lese keine Geschichten, die erklären wollen, wie die Jugend von heute tickt. Ich glaube nicht, dass man es schaffen kann, alle interessanten Aspekte in eine Geschichte zu kriegen. Man könnte viele kleine machen, beispielsweise über Youporn, zunehmenden Druck durch G8, eine über Komasaufen, eine über die politischen Ansichten junger Menschen. Wahrscheinlich gibt es da auch Überschneidungen. Aber alles in eine Geschichte zu packen, ist wie alle Wasserfarben zusammenzumischen – das ergibt immer so ein Graubraun, das einfach nicht gut aussieht. So ähnlich verhält es sich mit Technik.

Kommt Technik in unseren Medien denn so vor, wie es ihrer Bedeutung in Alltag und Beruf entspricht – oder halten Sie Technik eher für unterrepräsentiert?

Klotzek_ Ich glaube, dass Technik sehr oft zu affirmativ in der Berichterstattung vorkommt. Dass zu oft die Herstellerangaben nachgebetet werden: Wie schnell fährt das Auto, wie lange hält der Akku, wie schnell dreht sich die Bohrmaschine? Da ist in Sachen Eigenrecherche und Gedankenreichtum viel Raum nach oben. Ich glaube allerdings auch, dass es in der Politikberichterstattung genauso ist: Wir bauen die Kamera zur Pressekonferenz auf, berichten von da, und danach gibt es noch belegte Brötchen. Dieses Problem hat die Technikberichterstattung, würde ich sagen, nicht exklusiv.
Aber es ist alles eine Frage der journalistischen Ressourcen und des Willens der Leserschaft. Eine tolle Geschichte in der amerikanischen „Wired“ berichtete über die Produktionsbedingungen der iPhones. Die haben sich mit ziemlich großem Aufwand in der Fabrik eingenistet und einen sehr erschreckenden Report abgeliefert, was passiert, während so ein Ding hergestellt wird. Jetzt muss man die Frage, ob das interessiert, erschüttert, zum Nachdenken anregt, an die Leserschaft weitergeben. Ist es euch vielleicht lieber, auf einer Doppelseite zu lesen „Was kann die neue Wunderflunder?“ Journalismus ist letztlich eine Dienstleistung und muss den Nutzer fragen, was er will. Zu einem gewissen Teil kann man Leser sicher erziehen. Das „SZ-Magazin“ hat eine hohe Autorität bei der Leserschaft. Wenn wir etwas zu lesen empfehlen, dann vertrauen die Leser uns erst einmal. Wenn aber immer wieder etwas Uninteressantes kommt, dann gehen sie uns von der Fahne.
Es ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, wie sehr wir uns für Technik, ihre Folgen und Entstehungsprozesse interessieren. Diese Frage an die Leser weiterzugeben, ist schon spannend. In pessimistischen Momenten denkt man: Viele Leute interessieren sich für gar nichts. Sobald es ein bisschen kompliziert wird und man sich ein bisschen konzentrieren müsste, weil die Erklärung nicht auf einen Bierdeckel passt, hören viele schon nicht mehr zu. Wir sind in der privilegierten Situation, dass wir eine tolle Leserschaft haben. Wobei ich das nicht auf den deutschen Zeitschriftenleser verallgemeinern will.

Es läuft darauf hinaus, dass Sie ein Angebot machen und mit Spannung darauf warten, ob es angenommen wird.

Klotzek_ Ja. Am Leser vorbei zu sagen, was mich interessiert, geht sehr schnell schief. Wenn ich Technikjournalist bin, finde ich Technikentwicklung ja viel spannender als der normale Leser. Die Leute sind eher konservativ in ihrem Verhalten. Ich merke das beispielsweise auch im Gespräch mit meinen Eltern: Die wollen nicht wissen, was am neuen iPad besser ist und wie es in Zusammenhang mit dem Kindle steht. Die haben alle viel damit zu tun, ihr Handy zu verstehen und dessen Vorteile in ihr Leben zu integrieren. Denen bringt ein neueres, kleineres, schnelleres Gerät nichts. Die Entwicklung geht denen viel zu schnell. Die Geschwindigkeit des Journalisten ist oftmals nicht deckungsgleich mit der des Verbrauchers.
Elektromobiliät beispielweise ist in der Fachpresse langsam ein alter Hut, aber für normale Leute wird das Thema jetzt erst relevant. Es sind unterschiedliche Geschwindigkeiten, mit denen Innovationen für die Journalisten und für den Alltag der Menschen ablaufen.

Timm Klotzek, Jahrgang 1973, stammt aus Frankfurt am Main, wo er auch zur Schule ging. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Diplom-Journalistik, Politologie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Nachdem Klotzek bereits seit 1996 freier Autor für „jetzt“, das Jugendmagazin der „Süddeutschen Zeitung“ gewesen war, wurde er 1999 zunächst stellvertretender Redaktionsleiter, im Jahr 2000 dann Redaktionsleiter von „jetzt“.
Nach der Einstellung des Jugendmagazins wechselte er 2002 zu Gruner + Jahr, wo er „Neon“, das junge Magazin des „stern“, entwickelte und als Chefredakteur leitete. Daneben war Klotzek auch Chefredakteur des „stern“-Familienmagazins „Nido“, dessen Entwicklungsredaktion er 2007 ebenfalls geleitet hatte. Seit Juli 2012 ist Timm Klotzek Chefredakteur des „Süddeutsche Zeitung Magazins“.
Klotzek hat Lehraufträge unter anderem an der Bauhausuniversität Weimar, der Henri-Nannen-Schule und der Deutschen Journalistenschule wahrgenommen.

INTERVIEW Andreas Schümchen | REDAKTION Jennifer Schwanenberg | FOTO Julian Baumann für „SZ-Magazin“

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