Thomas Wendel: „Ein leckerer Fleischklops wird offenbar akzeptiert“

Thomas Wendel / Redakteur Wirtschaft / Berliner Zeitung

Thomas Wendel: „Heute sehe ich, dass man vielleicht total durchgeknallt sein muss, um überhaupt etwas zu erreichen.“

Thomas Wendel hat den ersten Deutschen Preis für Innovationsjournalismus gewonnen – mit seinem Artikel „Steaks ohne Sünde“, erschienen in „Capital“. Im Interview erklärt der Journalist, wie er zu Innovationsgeschichten findet. In einem exklusiven Blogbeitragbeschreibt er außerdem, wie es zum Siegerbeitrag über synthetisches Fleisch kam.

Herr Wendel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit Ihrem Artikel „Fleisch ohne Sünde“ aus der „Capital“ für den Deutschen Preis für Innovationsjournalismus zu bewerben?

Thomas Wendel_ Ich habe die Ausschreibung über den Redaktionsverteiler erhalten und dachte mir, dass bei dem Wettbewerb etwas Außergewöhnliches erwartet wird – und da passte dieser Beitrag sehr gut. Ich habe mich recht schnell entschieden, ihn einzureichen, denn er hatte einen sehr außergewöhnlichen Bezug von der Informationstechnologie zu Aspekten der Biotechnologie, zu Umwelt und Ernährung.

Fallen Ihnen seitdem mehr Themen dieser Art auf?

Wendel_ Solche Themen sind mir prinzipiell schon immer aufgefallen, aber ich denke, dass sich jetzt vermehrt Journalisten mit Innovationsgeschichten beschäftigen. Der Preis hat da schon eine Wirkung.

Ihre Geschichte war sehr aufwändig, Sie haben sie damals als fest angestellter Journalist für „Capital“ gemacht. Wenige Tage nach der Preisverleihung wurden Sie zusammen mit vielen anderen entlassen. Was ist seitdem passiert?

Wendel_ Ich versuche mich gerade neu zu positionieren, was nicht so einfach ist. Ich schaue dabei in viele Richtungen und finde auch eine Tätigkeit in der Politik, bei Verbänden oder in Strategie- und Analyseabteilungen großer Konzerne reizvoll.

Man muss schließlich die Situation in der Medienindustrie realistisch sehen: Ich schätze, dass im Qualitätsjournalismus über kurz oder lang nur 30 Prozent der Jobs erhalten bleiben werden. Im Moment werden doch vor allem Leute gesucht, die 20 Online-Meldungen am Tag rausbringen, aber höchstens 2000 Euro brutto verdienen sollen. Viele meiner ehemaligen Kollegen bei „Finanicial Times Deutschland“ und „Capital“ machen mittlerweile Corporate-Publishing-Projekte, sind in Pressestellen oder in die Konzernstrategie gewechselt, viele schlagen sich auch als Freie durch.

Sie beschreiben eine sehr düstere Situation. Wir setzen uns für Qualitätsjournalismus ein. Ist das überhaupt noch sinnvoll?

Wendel_ Ich glaube, Projektförderung ist eine Möglichkeit, Qualitätsjournalismus zu unterstützen. Das ist eine gute Methode, Journalisten für bestimmte Projekte zu sensibilisieren. Journalistenpreise können die Aufmerksamkeit für Qualität steigern.

Wenn Sie als freier Journalist auf das Thema „Synthetisches Fleisch“ gestoßen wären, wo hätten Sie dann versucht, es unter zu bringen?

Wendel_ Das hängt natürlich unter anderem davon ab, was die Redaktionen bereit sind zu zahlen. Ich habe lange auf freier Basis für den „Spiegel“ gearbeitet, der natürlich auch Recherchekosten übernimmt. Das gilt sicher auch für „Zeit-Magazin“ und „SZ-Magazin“, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ oder die Reportageseiten von „Süddeutscher Zeitung“ und „Zeit“. Die Recherche war aufwändig, ich habe mit Menschen in der ganzen Welt telefoniert, per Skype Videogespräche geführt und musste für die Reportage zudem schließlich fünf Tage zusammen mit meinem Fotografen nach Holland reisen. Es gibt nicht viele Redaktionen, die das zahlen.

Wie viel Zeit investieren Sie in so eine Geschichte?

Wendel_ Diese Geschichte war natürlich außergewöhnlich, weil ich viele Dinge erst verstehen musste, mit denen ich zuvor wenig zu tun hatte. Vor allem in Aspekte der Biotechnologie, Landwirtschaft und Umwelt musste ich mich erst einmal einarbeiten. Bei einer normalen Technologiegeschichte wäre der Aufwand wahrscheinlich geringer gewesen.

Auch wenn ich sehr schnell die Fakten sortieren und gewichten kann und vor allem schnell schreibe, habe ich einschließlich der Woche vor Ort insgesamt sicher drei Wochen für die ganze Geschichte benötigt. Das Einlesen läuft zwar nebenher, aber drei Wochen braucht es schon, bis die Geschichte steht. Zwei Wochen intensiver Arbeit also und eine Woche Recherche vorab.

Wären Sie weiter an der Geschichte dran geblieben, wenn Sie noch bei „Capital“ wären?

Wendel_ Ganz bestimmt. Ich erwarte, dass Verfahren für eine industrielle Produktion von synthetischem Fleisch entwickelt werden. Der Fleischmarkt würde sich dadurch erheblich verändern. Ich bin mit Willem Frederik van Eelen, dem 90-jährigen Erfinder, in Kontakt. Der war von meinem Artikel auch sehr begeistert. Es gab ja erst vor kurzem diese große Kunstfleischklops-Vorstellung, die vor allem eine geschickt inszenierte PR-Veranstaltung eines einzelnen Forschers war. Sie wurde in den Medien überhaupt nicht kritisch hinterfragt – es wurde stattdessen einfach über dieses schräge Event berichtet. Die Forschung bringt der vorgestellte Biotechnologie-Hamburger aber wohl eher nicht voran.

Hat sich das denn möglicherweise auf die Akzeptanz ausgewirkt?

Wendel_ Das kann ich mir schon vorstellen. Ich habe zumindest keine negativen Reaktionen über das Kunstfleisch gelesen. Es hatte einen gewissen Ekelfaktor, aber ein leckerer Fleischklops wird offenbar akzeptiert.

Wir betrachten diese Art der Berichterstattung eher negativ, weil sie nur für einen kurzen Moment auf eine Erfindung schaut, bevor die nächste kommt. Wir möchten lieber frühzeitig die Themen entdecken, um darauf vorbereitet zu sein.

Wendel_ Das war auch für uns das Interessante. Das Thema war bis zuletzt kaum bekannt. Der Fotograf Michael Hughes kam auf mich zu, er liebt skurrile Themen und wir arbeiten schon seit den 90-er Jahren eng zusammen. Wir sind dann nach Amsterdam, Utrecht und Eindhoven gefahren und haben die Wissenschaftler getroffen.

Normalerweise finde ich Themen autark. Manchmal sind es Gespräche mit Leuten aus Industrie und Wissenschaft oder im Bekanntenkreis, bei denen es in meinem Kopf plötzlich „Pling!“ macht und die Idee für eine neue Geschichte geboren ist. Ich lese aber auch viel, vor allem online. Gedruckt lese ich fast nur noch den „Economist“, der meiner Meinung nach global ganz vorne dran ist, nicht nur bei Technologiethemen. Und dann die üblichen Tech-Plattformen wie Heise, die allerdings ihre Geschichten häufig unter Wert verkaufen. Außerdem gehören „Techcrunch“, „Wall Street Journal“, „Financial Times“, „Allthingsd“, „Digitimes“, „ZDnet“, „Business Insider“, der „Guardian“ und „Wired“ zu meinen Hauptquellen.

Leider ist am Ende nur wenig des Gelesenen wirklich relevant. Aber ich kann Wichtiges auch schnell identifizieren, weil ich mich schon seit 1983 mit der Informationstechnologie-Branche beschäftige – im Prinzip, seit Bildschirmtext in Deutschland gestartet ist. In diesen 30 Jahren hat die IT- und Telekom-Branche sich ja explosionsartig ausgeweitet und die Kräfteverhältnisse haben sich komplett verändert. Die ganze Produktion der Hardware ist nach Ost-Asien geschwappt, Microsoft steht im Software-Bereich unheimlich unter Druck, Intel bei Halbleitern, in der Telekommunikation waren die Europäer mal extrem wichtig, nun sind sie – wie das Beispiel Nokia zeigt – fast in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Wenn man die gesamten Vorgeschichten nicht gut kennt, kann man die aktuellen Shifts auch gar nicht frühzeitig wahrnehmen und richtig bewerten.

Was sind aus Ihrer Sicht die Zukunftsthemen?

Wendel_ Derzeit finde ich das Thema 3D-Drucker sehr interessant. Die Amerikaner sehen darin die Kraft, die weltweite Wirtschaft wieder zu verändern, weil man beispielsweise die

Massenfabriken in China nicht mehr bräuchte. In Europa wird das noch nicht so gesehen. Ich glaube, das Thema wird noch unterschätzt, die Folgen wurden noch gar nicht richtig erkannt. In der Metallindustrie oder bei den Anlagenbauern wird das bereits wahrgenommen, aber nicht in der Öffentlichkeit.

Ihr Vater war selbst Erfinder, wie hat Sie das geprägt?

Wendel_ Wir hatten ständig zu wenig Geld. Alles Geld der Familie ist in irgendwelche Patentanmeldungen geflossen. Ich habe meinen Vater oft für verrückt gehalten, mir war das alles sehr suspekt. Aber heute sehe ich, dass man vielleicht total durchgeknallt sein muss, um überhaupt etwas zu erreichen.

Hat Ihre Herkunft Auswirkungen auf Ihre Sichtweise oder Ihren Umgang mit den Protagonisten?

Wendel_  Auf jeden Fall. Den Erfinder van Eelen hätte ich andernfalls sicher als Verrückten beschrieben, so wirkt er ja auf viele Leute, die die Schwierigkeiten nicht kennen, mit etwas Bahnbrechendem voran zu kommen. Deswegen haben wir uns wirklich gut verstanden. Generell sehe ich Themen deswegen nicht anders, aber gerade solche Erfinder nehme ich anders wahr. Die sind schließlich aus einem anderem Holz geschnitzt als irgendwelche Internet-Start-up-Unternehmer, die mal eben mit einigen zehntausend Euro binnen weniger Monate eine coole Idee ausbrüten, bei der es im Kern meist nur um geschicktes Marketing und neue Vertriebskanäle geht und nicht um wirklich neuartige Produkte. Diese persönliche Erfahrung hat mich sicher in meiner Haltung beeinflusst.

Thomas Wendel, Jahrgang 1964, gehört zu den profiliertesten Technologiejournalisten Deutschlands. Der Politologe arbeitete freiberuflich unter anderem für „Spiegel“, „Spiegel Special“, „brand eins“, „Die Woche“ und „Die Zeit“, bevor er in die Redaktion der „Berliner Zeitung“ eintrat. Zuletzt arbeitete er als Unternehmensreporter für die „Financial Times Deutschland“ und danach als Technologieredakteur bei „Capital“. In dem Wirtschaftsmagazin erschien in der Oktober-Ausgabe 2012 sein Beitrag „Steaks ohne Sünde“ über synthetisches Fleisch, der am 24. April 2013 auf dem DHL Innovation Day in Spich mit dem Deutschen Preis für Innovationsjournalismus in der Kategorie Publikumsmedien ausgezeichnet wurde – der Preis wird von der Deutschen Post DHL in Kooperation mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie der Fraunhofer-Gesellschaft jährlich verliehen.

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO Privat

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