Matthias Hohensee: „Man lernt hier eine neue Bescheidenheit“

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Matthias Hohensee: „Während deutsche Unternehmen zuerst das Produkt marktfertig haben möchten, reden die Amerikaner schon über Produkte, die noch gar nicht existieren.“

Matthias Hohensee berichtet seit 15 Jahren über Techniktrends und -entwicklungen aus dem Silicon Valley. Ein Traumjob, von dem es nur noch wenige gibt.

Herr Hohensee, in den 1990er-Jahren gab es im Silicon Valley rund 20 Korrespondenten deutscher Medien. Heute gibt es nicht mal mehr eine Handvoll. Ist das Silicon Valley nicht mehr interessant?

Matthias Hohensee_Im Zusammenhang mit dem Dot-Com-Boom war es 1999/2000 bei deutschen Medien angesagt, Journalisten hierher zu schicken. Nach dem Zusammenbruch standen auch die Verlage vor neuen Herausforderungen. Da Korrespondenten sehr teuer sind – allein die Lebenshaltungskosten sind hier schon sehr hoch – haben sich viele Verlage entschieden, diese Kosten einzusparen.
Unser Verlag und Chefredaktion sind der Ansicht, dass es wichtig ist, jemanden hier im Herzen der weltweiten Innovationsindustrie zu haben. So stand der Wegfall der Stelle nie zur Debatte. Mit Axel Postinett vom „Handelsblatt“ haben wir inzwischen sogar einen weiteren Korrespondenten vor Ort.

Derzeit ist in Deutschland das Interesse am Silicon Valley sehr groß, nicht zuletzt, weil „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann im Auftrag des Springer-Verlags hier eine Zeit verbringt und auch andere nachziehen wollen. Ist dieses Interesse berechtigt?

Hohensee_Das Silicon Valley bestimmt, wie die Distributionsinfrastrukur der Medien künftig aussehen wird, insofern ist ein hohes Interesse der Verlage sehr verständlich. Auf Android und iOS werden die Medien vertrieben, Facebook setzt Trends im Social Web, und es kommen noch Google und Yahoo hinzu, die künftig den Wettbewerb um Local-Advertising entfachen werden. All diese Unternehmen sitzen hier vor Ort und setzen die Trends, die man hier dann auch wesentlich früher erkennen kann.

Wie viel früher lassen sich solche Trends erkennen?

Hohensee_Alles was hier passiert, wird in der Regel etwa acht bis zehn Monate später auch in Deutschland passieren, das kann ich aus Erfahrung sagen. Das betrifft sowohl wirtschaftliche Zyklen als auch Trends im Internet, die eine gewisse Zeit brauchen, um nach Deutschland zu kommen.

Wie unterscheidet sich die journalistische Arbeit in Deutschland und den USA?

Hohensee_Man lernt hier eine neue Bescheidenheit. Die „Wirtschaftswoche“ ist, wie viele andere ausländische Medien, hier wenig bekannt. Wenn man in Deutschland bei einem bekannten Qualitätsmedium arbeitet, ist es schon leichter, offizielle Informationen zu bekommen. Wenn ich die Zeitschrift aber als „the German Business Week“ vorgestellt habe, ist es schon einfacher.
Alles in allem unterscheidet sich die Arbeit aber nicht. Es geht darum, Beziehungen zu kultivieren, und es geht darum, Informanten zu erschließen. Das ist alles ein bisschen schwieriger, was aber sicher nicht schlecht ist.

Welche Vorteile hat es, dass Sie hier vor Ort sind?

Hohensee_Viele Informationen bekomme ich aus „Networking Circles“ am Rande von Präsentationen und Konferenzen. Es gibt auch viele informelle Gespräche bei Unternehmen, die „off the record“ sind.
Zudem bekommt man ein Gefühl dafür, was wirklich abgeht: Amerikanische Firmen sind sehr stark im Marketing. Während deutsche Unternehmen zuerst das Produkt marktfertig haben möchten, reden die Amerikaner schon über Produkte, die noch gar nicht existieren. Man bekommt nur vor Ort ein gutes Gefühl dafür, was schon besteht und was erst noch geschaffen werden muss.

Wie auskunftsfreudig sind die Unternehmen denn? Apple etwa wirft man ja eine gewisse Verschwiegenheit vor.

Hohensee_Apple ist sehr schwierig. Ich berichte bereits seit 20 Jahren über Apple. Wir haben eine Nummer, unter der wir anrufen können – das ist aber verschwendete Zeit, weil man in der Regel keinen Kommentar bekommen wird. Apple ist ein sehr verschlossenes Unternehmen und damit eine echte Herausforderung für Journalisten. Ich kenne einige Apple-Mitarbeiter, die aber nicht mit mir zusammen gesehen werden dürfen, weil das Nachteile für sie haben könnte. Wir müssen bei Treffen auf extreme Geheimhaltung achten.
Ich glaube, Apple wird seine Informationsstrategie ändern müssen. Die absolute Geheimniskrämerei lädt zu überzogenen Spekulationen ein, und das hat das Unternehmen auch schon erkannt.

Was macht den besonderen Spirit des Silicon Valley aus?

Hohensee_Man ist hier auch in schweren Zeiten optimistisch. Außerdem kann man Fehler machen, ohne dafür gebrandmarkt zu werden. Scheitern wird hier nicht negativ gesehen, schließlich ist derjenige beim nächsten Mal schlauer.
Es wurde, auch in Deutschland, schon oft versucht, das Silicon Valley zu kopieren. Zwei Dinge lassen sich aber schwer nachahmen: zum einen das Zusammenwirken zwischen Universitäten, Unternehmen, Gründern und Kapital – das ist hier einzigartig. Zum anderen kommen sehr viele ausländische Talente hierher. 39 Prozent der Einwohner und 60 Prozent der Ingenieure und Programmierer sind im Ausland geboren. Auch in Deutschland versucht man, Talente aus dem Ausland anzuwerben. Aber die Leute, mit denen ich rede, wollen lieber in die USA und nicht nach Deutschland. Woran das liegt, müsste man ergründen.

Bei Innovationen geht es um technische Entwicklungen, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und wirtschaftliche Aspekte. Für einen Journalisten alleine ist das schwer abzudecken. Wie schaffen Sie das ganz praktisch?

Hohensee_Ich bin generell umfassend interessiert. Wirtschaft und Technik haben mich schon immer interessiert, hier habe ich zusätzlich gelernt, wie wichtig die Politik ist. Bestimmte Dinge passieren nur, wenn die politischen Voraussetzungen gegeben sind. Man muss da up-to-date bleiben, was mir hoffentlich gut gelingt.

Ist es ein Traumberuf, als Korrespondent im Silicon Valley zu sein?

Hohensee_Ja, das kann man so sagen. Wie in jedem Land muss man sich aber auf die Mentalität einstellen. Für mich hat das bedeutet, gelassener zu werden. Als ich hierher kam, war ich manchmal ein bisschen erschrocken zu sehen, wie hemdsärmelig alles gemacht wird. In Deutschland sind wir es gewöhnt, dass alles gut organisiert ist. Wenn man sich aber einmal daran gewöhnt hat, ist das auch für den eigenen Stress gesünder.

  • Beiträge von Matthias Hohensee in der „Wirtschaftswoche“

Matthias Hohensee
Matthias Hohensee, Jahrgang 1970, startete seine journalistische Karriere bei der „Märkischen Oderzeitung“ in Frankfurt/Oder. Seit 1996 ist Hohensee bei der „Wirtschaftswoche“ tätig, seit 1998 ist er als US-Korrespondent für das Wirtschaftsmagazin im Silicon Valley. Vom kalifornischen Gründergeist angesteckt war Hohensee im Jahr 2000 Mitgründer des Handy-Testportals xonio.com (heute Bestandteil von „Chip online“). Für Reportagen über Google und den Silicon-Valley-Unternehmer Andreas von Bechtolsheim erhielt er den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik.

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | LEKTORAT Rosemarie Elsner | FOTO Andreas Schümchen

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