Gert Scobel: „Man kann alles immer nur mit dem in Zusammenhang setzen, was man kennt“

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Gert Scobel: „Ich halte mich selbst da eher für einen Anachronismus, der leider ausstirbt: Ich bin eher Generalist.“

Gert Scobel ist der Fachmann für anspruchsvolle und komplizierte Themen im deutschen Fernsehen. In seiner 3sat-Sendung „scobel“ werden Themen wie Paläoanthropologie, synthetisches Leben oder auch „Das Böse“ ausführlich dargestellt und diskutiert. Im Interview spricht Scobel darüber, wie das Thema Innovation im Fernsehen dargestellt werden kann.

 

Herr Scobel, Sie haben vor einiger Zeit eine Sendung über gescheiterte Innovationen gemacht. Gab es dabei eine Kernbotschaft?

Gert Scobel_ Bestimmte Dinge scheinen hinterher sehr absehbar. Atomkraftwerke zu bauen, ohne dafür zu sorgen, dass auch der radioaktive Abfall entsorgt werden kann, erscheint ziemlich dumm. Da fragt man sich im Nachhinein schon, wie so etwas passieren konnte.

Nun war das eine sehr populäre Art, das Thema Innovation aufzugreifen. Wie tiefgreifend, denken Sie, kann man Innovation als Prozess der Veränderung im Fernsehen transportieren?

Scobel_ Ich glaube, dass man das sehr komplex machen kann. Vor etwa drei Jahren habe ich eine Sendung gemacht, in der wir wirklich in die Details gegangen sind. Man kann Fernsehen noch viel mehr dazu nutzen, komplexe Inhalte zu vermitteln, als es derzeit geschieht. Die Zuschauer können danach schlauer sein, als sie es zuvor waren.

Häufig glauben die Zuschauer ja hinterher vielmehr, dass sie etwas verstanden haben – konkretem Nachfragen hält das aber häufig nicht stand. Können wir über das reine Gefühl, sich schlauer zu fühlen, hinaus kommen?

Scobel_ Ich denke schon. Die Frage ist immer nur, welches Maß von Komplexität man anlegt. Man kann nach einer Sendung auch schlauer sein, weil man ein paar Gedanken an der Oberfläche – also sein eigenes Wissen – besser sortieren kann. Wenn es um Details geht, gibt es ja häufig nur eine Handvoll Experten, die über gewisse Zusammenhänge ernsthaft nachdenken können. Es hängt da jeweils von der Denktiefe ab.

Welche Formate können da gut funktionieren?

Scobel_ Eine schwierige Frage. Es gab früher Frontalformate wie „Funkkolleg“. Dann gibt es Magazinformate wie die von Rangar Yogeshwar, die in der Regel monothematisch sind. Meine Variante zeigt weniger Film und mehr Gespräch. Dann gibt es Formate, die man einsprengen kann: Man könnte durchaus ein Mini-Informationsformat in der „tagesschau“ haben oder in einem politischen Magazin. Die „Sendung mit der Maus“, Nachrichtensendungen – das sind alles Informationsformate, die dienlich sein können.

Frank Plasberg bringt Information durch kleine Filme in politische Sendungen ein. Das ist teilweise Information, teilweise aber auch Meinung auf den Punkt gebracht.

In Ihrem Gesprächsformat wird eher das Hirn angesprochen und weniger die Emotionalität, die ja mehr bunte Bilder verlangen würde. Welche Menschen können Sie damit erreichen?

Scobel_ Das ist sehr gemischt. Die Geschlechter und die Ost-West-Verteilung sind jeweils 50:50 verteilt, das Publikum ist etwas jünger als der Durchschnitt. Vor allem aber teilt es sich in die klassischen Multiplikatoren – Professoren, Intellektuelle, Manager – und auf der anderen Seite in Leute auf, die kein Abitur haben und die Sendung nutzen, um etwas zu lernen. Mit anderen Worten: Wir haben ein völlig geteiltes und eigentlich nicht miteinander kompatibles Publikum, das ich ansprechen muss. Aber den Quoten zufolge sind wir damit erfolgreich. Wobei ich sagen muss, dass ich Quoten kein besonders großes Vertrauen schenke.

Auch wenn immer davon gesprochen wird, dass Formate im Internet das Fernsehen ablösen, kann Fernsehen immer noch ein sehr breites Publikum erreichen. Innovatoren müssten ja ein dementsprechend großes Interesse haben, ihre Innovationen – vor allem wenn sie disruptiv sind – ins Fernsehen zu bringen. Wie wählen Sie aus diesen Themenangeboten aus?

Scobel_ Wir haben ein wirklich gutes Netzwerk in der Forschung und werden häufig früh informiert – was nicht bedeutet, dass wir alles mitbekommen. Früher konnte ich das Thema der Sendung auch innerhalb von zwei Wochen ändern. Leider ist das nicht mehr so, weil wir mit den Kollegen vom Dokumentarfilm kooperieren und an einem Abend immer zueinander passende Sendungen bringen. Da Dokumentarfilm immer mindestens vier Monate Vorlauf haben muss, ist die Vorlaufzeit unserer Themen auch entsprechend lang.

Nichtsdestotrotz kann man sich Themen auswählen, von denen man bereits ahnt, dass sie kommen werden. Aber echte disruptive Innovationen kann ich nicht planen.

Wie versuchen Sie denn, die Themen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin zu bewerten? Ein gutes Beispiel ist der Tablet-PC. Noch bevor klar war, wofür man diese neuen Geräte überhaupt braucht, waren die Verkaufszahlen schon sehr hoch und sogar die „tagesschau“ hat über das erste iPad berichtet.

Scobel_ Für mich war das iPad eine völlig nahe liegende, logische Entwicklung. In Romanen von William Gibson gab es Geräte wie das iPad schon lange – die reale Entwicklung hinkte also fast schon hinterher. Ich habe mir die Weiterentwicklungen schon lange so vorgestellt.

Wie ich Innovation bewerte, ist aber schwer zu sagen. Für mich sprach damals beispielsweise alles physikalisch gegen die Kalte Fusion. Die angebliche Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit im CERN habe ich von vorneherein für einen Messfehler gehalten, dafür wurde ich in der Redaktion stark kritisiert, behielt aber Recht. Aber von Facebook habe ich beispielsweise nicht erwartet, dass es solche Auswirkungen haben wird. Man kann alles immer nur mit dem in Zusammenhang setzen, was man kennt. Und sich fragen, ob es plausibel ist. Dann muss man noch sehen, ob das wirklich Veränderungen mit sich bringt.

Wenn man etwas wirklich verifizieren will, ruft man einen Experten an. Aber auch der kann nur eine Einschätzung abgeben.

Innovationsjournalismus bedeutet, dass die gesamtgesellschaftliche Veränderung, die eine Innovation mit sich bringt, betrachtet wird. Wie sehen Sie das im Fernsehen? Gibt es da blinde Flecken oder eine sehr einseitige Betrachtungsweise?

Scobel_ Fernsehen ist, wie Print auch, stark in Ressorts organisiert. Unsere ganze Wissensgesellschaft ist sehr disziplinorientiert organisiert. Das ist sehr schade. Ich halte mich selbst da eher für einen Anachronismus, der leider ausstirbt: Ich bin eher Generalist. Das kommt sicher durch meinen philosophischen Hintergrund. Die Philosophie stand ja immer schon für eine Analyse universaler Strukturen. Das gibt es heute in den Studiengängen nicht mehr.

Das spiegelt sich auch in den Medien wider: Die Medien können nicht interdisziplinär denken oder arbeiten. Auch wenn Journalisten darin häufig besser sind als Wissenschaftler, die dazu in der Regel nicht bereit sind. Durch die Exzellenzcluster, die Interdisziplinarität stark fördern, hat sich das vielleicht geändert.

Aber wie schwierig das war, sieht man an der Diskussion um die Neurowissenschaften: Da gibt es eine Auseinandersetzung mit Gesellschaftstheorie, Philosophie und juristischen Problemen. Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis es endlich einen Gesprächsstand gab, in dem alle miteinander reden konnten. Da gibt es ein erhebliches Defizit. Ich sehe mich da als Journalist in einer absoluten Außenseiterrolle.

Sie engagieren sich auch in der Journalistenausbildung. Kann man etwas dafür tun, dass der Journalistennachwuchs, auch angesichts der immer komplexer werdenden Themen und einer immer globaleren Welt, Qualifikationen für eine gute Innovationsberichterstattung erwirbt?

Scobel_ Man muss runter kommen von den Studienordnungen. Man muss letztlich für alle Fakultäten eine Art „Studium Generale“ einführen. Und ich glaube, dass man ohne eine gewisse Perspektive über Ideen in Technik und Wissenschaft im Technikjournalismus nicht arbeiten kann. Ohne einen Schuss Philosophie, also deren Art Fragen zu stellen, geht es nicht.

Ich stelle aber auch fest, dass ich in dem Seminar, in dem ich dazu anrege, über Bilder und Metaphern nachzudenken, im Grunde genommen auf völliges Unverständnis stoße. Es ist den Studierenden nicht klar, warum man sich damit beschäftigen soll. Ich denke aber, dass man das vermitteln kann und diese Vermittlung absolut notwendig ist, wenn man Leute mit einem etwas breiteren Horizont haben will.

Eine Art Crash-Kurs in Komplexitätstheorie wäre eine notwendige Maßnahme, um überhaupt unsere Welt zu verstehen. Wenn ich nicht einmal den Unterschied zwischen linear und komplex erklären kann, dann kann ich bestimmte Zusammenhänge nicht begreifen. Ich werde dann immer einen falschen Beschreibungshorizont wählen.

Denken Sie, dass es den richtigen Zeitpunkt gibt, um Innovation zu thematisieren?

Scobel_ Die Erfahrung zeigt ja, dass man oftmals zu früh dran ist. Trash-Fernsehen vor Stefan Raab kam nicht an. Er hat das erst zu einer richtigen Marke gemacht. Das gilt für Fernsehformate im gleichen Maße wie für Technik. Das Fernsehen hat eine Vorreiterfunktion, weil es noch recht viele Leute kollektiv vor einem Medium versammelt.

Wir haben die Möglichkeit, Diskussionen früh anzuregen. Beispiel Gentechnologie: Auswirkungen und die ethischen Probleme sollten im Vorhinein diskutiert werden. Von anderen Entwicklungen erfährt man erst, wenn sie auf dem Markt sind. Ich kann mir oft nicht vorstellen, was Unternehmen gerade entwickeln. Wenn es dann auf den Markt kommt, erfahre ich davon und kann – viel zu spät – anfangen, mir darüber Gedanken zu machen.

Viele Innovationen kommen aus San Franciso, der Bay Area und dem Silicon Valley. Sie haben dort einige Zeit gelebt. Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen dort Innovation besser annehmen?

Scobel_ Ich war sozusagen noch in der alten Welt in den USA: vor dem Internet. Aber das interdisziplinäre Denken, von dem ich eben gesprochen habe, war dort schon greifbar. Ich habe in einem Café noch nie einen so guten Austausch mit Studenten anderer Fakultäten gehabt wie dort.

Vor allem gab es keine Denkbeschränkung. Ich habe mich danach noch lange Zeit an den deutschen Universitäten nicht einfinden können. Ich fand sie engstirnig und borniert. Sie haben Denkverbote ausgeteilt und basierten auf einem für mich schon überholten System eines klar definierten, strengen Fächerkanons, der vorgibt, was man in welcher Reihenfolge zu tun hat. In der Philosophie muss man erst Sekundärliteratur lesen, bevor man Primärliteratur liest. Wie bescheuert ist das denn?

Ich glaube, dass abgesehen von den angenehmen Wetterverhältnissen auch das intellektuelle Klima in der Bay Area sehr stimulierend ist. Es gibt nicht viele Orte in Deutschland und Europa, an denen das ähnlich ist. Diese Atmosphäre um San Francisco und heute das Silicon Valley, ist eine Inselatmosphäre. Fährt man aus der Gegend heraus, wandelt sich das auch.

Welche Rolle spielen die Medien, insbesondere das Fernsehen, wenn es darum geht, dass Innovationen Akzeptanz finden und sich am Markt durchsetzen?

Scobel_ Sie haben ja eben schon darauf hingewiesen, dass Fernsehen trotz Internets noch das Leitmedium ist. Wahrscheinlich unterscheidet das Fernsehen vom Internet, dass ich vom Fernsehen nicht nur die Information selber bekomme – die bekomme ich im Internet wahrscheinlich sogar mit viel größerer Tiefe und kann mir auch mehr Zeit damit lassen. Aber im Fernsehen bekomme ich zusätzlich noch Orientierungswissen.

Ich kann das Neue einordnen. Das Internet ordnet mir die Zusammenhänge in der Regel nicht ein. Diese Verbindung von Wissen, Information und Orientierungswissen haben nur Zeitung und Fernsehen. Internet und Hörfunk können das nicht liefern.

 

Get Scobel, Jahrgang 1959, stammt aus Aachen und hat Philosophie und Katholische Theologie in Frankfurt am Main und Berkeley (USA) studiert. Er lehrte an der University of San Francisco und forschte am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried bei München.

Als Journalist arbeitete Scobel unter anderem für das Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, für den Hessischen Rundfunk und den Westdeutschen Rundfunk. Von 1995 an moderierte er unter anderem die tägliche 3sat-Sendung „Kulturzeit“, das „ARD-Morgenmagazin“ und die Sendung „delta“ bei 3sat. 2008 übernahm er die einmal wöchentlich bei 3sat ausgestrahlte Sendung „scobel“.

Gert Scobel erhielt 2005 für die Moderation von „Kulturzeit“ und „delta“ den Adolf-Grimme-Preis.

 

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO Bosse und Meinhard

 

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