Gabriele Fischer: „Uns interessiert, welche Auswirkung die Technik für die Gesellschaft hat“

Seit August 2005 mit einer neuen Art von Wirtschaftsjournalismus am Markt: Magazin „brand eins“

Das Magazin „brand eins hat 1999 eine neue Art von Wirtschaftjournalismus begründet: Verständlich soll er sein, die Geschichten im Magazin sollen die Leser betreffen, aber auch unterhalten.  Heftgründerin und Chefredakteurin Gabriele Fischer interessiert sich nicht für den Status quo, sondern für die Veränderung. Ihr Prinzip: Ins Blatt kommen nur wirklich interessante Geschichten.

Frau Fischer, wie oft darf der Begriff Innovation in einer „brand-eins“-Ausgabe vorkommen?

Gabriele Fischer_ Wir versuchen zu beschreiben, was sich verändert und entwickelt – das kann dann am Ende eine Innovation sein oder eben nur eine Verbesserung.  Wir sind vorsichtig mit  Etiketten und überlassen die Schlussfolgerungen dem Leser.

„Innovation“ ist heute ein allgegenwärtiges, abgegriffenes Schlagwort. Wo liegt der Aufmerksamkeitswert von Innovation?

Fischer_ Sie haben Recht, der Begriff ist abgegriffen, und deshalb erregt er kaum noch Aufmerksamkeit. Das geht noch nicht so weit wie bei dem Wort „Nachhaltigkeit“, aber frisch ist der Begriff sicher nicht mehr. Das ändert allerdings nichts daran, dass wir Erneuerung dringend brauchen. Und vielleicht sollten wir zunächst einmal klären, was wir genau unter Innovation verstehen wollen: auch die kleine Verbesserung – oder nur das wirklich ganz Neue?

Wie werden Sie denn auf Innovationsthemen aufmerksam?

Fischer_ Wir gehen mit offenen Augen durch die Welt, haben freie Autoren und auch Leser, die das tun – und so sammeln sich in unseren Mailboxen regelmäßig Geschichten über große und kleine Veränderungen. Vieles ist interessant, aber nicht neu, manches noch nicht ausgegoren oder schon mehrfach dagewesen: Der 124ste Online-Händler ist keine großartige neue Geschichte mehr.
Wir haben vorn im Heft eine Rubrik, die heißt „Das geht“ (Das geht 09/2011, Das geht 10/2011), und die wird von uns so definiert: Man sollte bei einem neuen Produkt oder einer neuen Dienstleistung überrascht sein, dass es so etwas gibt. Wir suchen jenen Überraschungseffekt, der mit der wirklich neuen Idee ursprünglich verbunden war, als das Neue noch mit „Heureka!“ begrüßt wurde.

Es geht also oft weniger um die gewaltige Auswirkung einer Innovation, sondern mehr um die Überraschung?

Fischer_ Es geht um beides. Nehmen wir die E-Mobilität: Da werden wir bis zur Alltagstauglichkeit noch eine Menge Innovationen brauchen. Der Weg dorthin aber wird mit vielen kleinen Verbesserungen gepflastert sein.

Was ist aus Ihrer Sicht der beste Zeitpunkt, um über eine Innovation zu berichten? Am Anfang gibt es ein Problem, und irgendwann gibt es eine Lösung, die vom Markt angenommen wird. Wo sehen Sie den interessantesten Moment, ein Thema aufzugreifen?

Fischer_ Das kommt darauf an. Wir haben sehr früh über das Projekt Desertec geschrieben – auch wenn heute noch niemand genau weiß, ob es wirklich irgendwann Realität sein und die Energieversorgung tiefgreifend verändern wird. Es ist aber ein Projekt, das wir auch wegen seiner Begleitumstände interessant genug fanden: Es müssen noch jede Menge Probleme gelöst werden, um den Strom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird, es müssen neue Speichermedien entwickelt und Logistikkonzepte umgesetzt werden – in diesem Fall ist schon das Projekt interessant genug, um darüber zu berichten. In einem anderen Fall kann es gelungen sein, die Reichweite eines batteriegetriebenen Fahrzeugs um wertvolle Kilometer zu verlängern – aber für uns muss das trotzdem noch kein Thema sein.

Was muss denn zusammenkommen, damit für Sie etwas als Innovation gilt?

Fischer_ Wir suchen nach interessanten Geschichten. Und weil uns nicht der Status quo interessiert sondern, die Veränderung, stecken oft technische oder auch soziale Verbesserungen darin.

Welche Autoren bieten Ihnen Innovationsthemen an? Aus welchen Fachrichtungen oder Ressorts kommen die?

Fischer_ Uns werden idealerweise keine Innovationsthemen angeboten, sondern gute Geschichten. Die können sich mit sozialen, technischen oder politischen Veränderungen beschäftigen – und wenn der Autor in der Lage ist, sie verständlich zu machen, ist für uns nicht ausschlaggebend, ob er einen technischen Abschluss hat. Wir stellen aber immer wieder fest, dass manche Kollegen zwar viel von der Technik verstehen – dafür aber weniger vom Aufbau einer guten Geschichte.  Generell gilt: Uns interessiert vor allem, welche Auswirkung  Technik für die Gesellschaft hat.

Wenn man die komplexen Auswirkungen betrachten will, gibt es ein Problem: Derjenige, der die Technik versteht, hat oft keine Ahnung von den wirtschaftlichen Zusammenhängen; derjenige, der sich in die wirtschaftlichen Zusammenhänge hineindenken kann, hat häufig Schwierigkeiten, die technischen Hintergründe zu verstehen. Wie kann man dieses Problem lösen? Sind beispielsweise journalistische Teams eine Lösung?

Fischer_ Das ist ein bisschen lebensfern. Wenn man mit so vielen freien Journalisten zusammenarbeitet wie wir, ist es nicht leicht, Teams zu bilden. Man kommt dann auch bei der Honorierung in Schwierigkeiten.
Als wir angefangen haben, wollten wir keine Wirtschaftsgeschichten für Wirtschaftsexperten, sondern Geschichten, die auch Laien verstehen. Deshalb hatten wir unter unseren ersten Autoren keinen einzigen Betriebswirt – wir suchten gute Reporter. Und das sind für uns Journalisten, denen es nicht peinlich ist, so lange nachzufragen, bis sie einen Sachverhalt verstehen.  Die sich nicht mit Fachjargon abspeisen lassen, sondern es genau wissen wollen. Und die immer nach der zweiten Quelle suchen.
Diese Eigenschaften helfen, eine gute Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, auch wenn man von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen keine Ahnung hat. Ähnlich ist es bei Technik und Naturwissenschaft: Wer über Chemie berichtet, benötigt bestimmte Grundkenntnisse, aber vor allem braucht er die Hartnäckigkeit, sich seine Experten zu suchen und sie so lange auszufragen, bis er einen Sachverhalt so gut versteht, dass er ihn anderen erklären kann.

Gerade Technikjournalisten wird ja oft eine gewisse Technikbegeisterung und damit fehlende Distanz vorgeworfen. Wie empfinden Sie das: Sind die Journalisten Innovation gegenüber eher positiv oder negativ eingestellt?

Fischer_ Vor allem freie Journalisten wollen ja eine Geschichte verkaufen. Sie werden also immer versuchen, ihr Thema als brandneu zu verkaufen, auch wenn es das nicht ist.
Ich persönlich würde das Innovationsthema aber nicht überstrapazieren. Die Frage ist: Warum brauchen wir Technikjournalisten? Wir leben in einer Welt, in der wir alle rund um die Uhr von Technik umgeben sind und in der es gleichzeitig eine große Unsicherheit gegenüber Technik gibt – niemand versteht sie so recht. Ich glaube, dass wir vor allem Übersetzer brauchen, die uns erklären können, inwiefern wir von bestimmten Entwicklungen profitieren können und wo die Risiken liegen. Journalisten also, die sich mit Technik auskennen und nicht jede noch so kleine Verbesserung bejubeln, sondern fragen: Wem nützt es?

Sie plädieren also für eine positive Technik- und Innovationsberichterstattung, für Erfolgsgeschichten?

Fischer_ Technik muss so erklärt werden, dass ich sie als Laie verstehe und mich nicht grundlos fürchte. Das ist beim Thema Wirtschaft nicht anders: Es geht nicht darum, Wirtschaft toll zu finden oder nicht – ich will sie verstehen. So auch die Technik: Wenn ich erst einmal begriffen habe, was hinter Strahlen steckt, relativieren sich manche Ängste. Hinter so mancher Bürgerinitiative steckt oft auch Nichtwissen.

Sind Aufklären und Verstehen Ihrer Meinung nach wichtiger als das Bewerten?

Fischer_ Auch im Aufklären und Verstehen steckt Bewertung. Sie können über Wirtschaft nicht schreiben, ohne einen Standpunkt zu haben. Es gibt keine wertfreie Berichterstattung.
Auch beim Thema Technik ist es wichtig, einen Standpunkt zu haben. Zum Beispiel „Technik macht unser Leben besser“ oder „Technik raubt uns die Zeit“. Von dieser Grundhaltung abgesehen geht es um Fragen wie: Warum haben alle Menschen plötzlich iPods? Was steckt dahinter? Was ist das Neue daran? In einem so kleinen Gerät stecken viele Geschichten.

 Wir haben den Eindruck, dass soziale Innovation von den Medien oft übersehen und zu wenig thematisiert wird.

Fischer_ Wir hatten schon vor Jahren eine Serie zu diesem Thema. Unser Ausgangspunkt war: Der Wandel in der Wirtschaft von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verlangt auch einen Umbau der Sozialsysteme – aber wohin?  Wie schaffen wir Arbeitsplätze, wie sieht Arbeit morgen aus? Und wir haben festgestellt, dass es da zwar viele kleine Initiativen gibt, aber keine großen Projekte. Es gibt keine Auseinandersetzung mit der Frage, was künftig sein könnte oder anders: wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Was schlechter wird, lesen wir jeden Tag in der Zeitung.

Haben Sie dann in so einer Serie den Anspruch, eine Debatte anzustoßen?

Fischer_ Wir sind bescheiden. Die Vorstellung, dass Journalismus die Welt verändert, teile ich nicht. Vielleicht wird die Welt von Menschen verändert, die aus dem, was sie gelesen haben, Konsequenzen ziehen. Unser Beitrag kann sein, den einen oder anderen durch das, was wir zusammentragen, zu ermutigen und zu bestärken, weil er das Gefühl hat, nicht mehr allein vor sich hin zu denken.
Die Serie zur sozialen Innovation zum Beispiel hat sicher so manchen angeregt, selbst etwas zu unternehmen. Und das Thema „Grundeinkommen“, mit dem die Serie begann, hat durchaus eine größere Debatte ausgelöst. Ich denke, Journalismus ist Anstoßgeber.

Alles, was neu ist, ist abstrakt und schwer vorstellbar. Wie kann man Innovationsthemen am besten einem Publikum vermitteln?

Fischer_ Machen Sie deutlich, was das Thema mit der Lebenswelt Ihrer Leser zu tun hat. Wenn es die nichts angeht, interessiert es sie nicht. Aber Menschen geht eine Menge an. Wir hatten zum Beispiel eine Geschichte über einen schwedischen Architekten, der eine Toilette entwickelt hat, die nichts weiter ist als eine Tüte. Die stülpt man über einen Eimer, macht sein Geschäft hinein, und in der Tüte sind dann Chemikalien, die aus den Fäkalien Dünger machen.
Das ist eine wunderbare, kleine Idee, um ein großes Problem in Ländern zu lösen, in denen die eigene Toilette nicht selbstverständlich ist. Aber die Firma hat auch bereits die ersten Aufträge von Seglern und vom Roten Kreuz für Katastrophengebiete. Und ein Kollege, der jedes Jahr zum Heavy Metal Open Air Festival nach Wacken fährt, will sich jetzt auf jeden Fall solche Tüten mitnehmen.

Das ist ein schönes, anschauliches Beispiel. Aber beispielweise das Management von Stromnetzen ist gleich schon viel abstrakter.

Fischer_ Aber durchaus ein Aufreger. Denn die Smart-Grids haben diese typische deutsche Angst vor Überwachung ausgelöst. Die Vorstellung, dass jemand weiß, wie ich Strom nutze, um mich effektiver zu versorgen, löst bei uns den Datenschutz-Reflex aus. Zu erklären, zu übersetzen und sich konstruktiv mit einem solchen Thema auseinanderzusetzen: Das wäre die Aufgabe von Technikjournalismus.

Gibt es ein Innovationsfeld, das Ihrer Meinung nach von den Medien zu wenig beachtet wird?

Fischer_ Es gibt allerhand Themen, über die zu oberflächlich berichtet wird. Oft haben wir kein Wissen, sondern nur Meinungen, jede Menge Meinungen. Und die werden auch von Journalisten wiederholt. So wird viel darüber geschrieben, warum sich das Klima wo ändert – ich fände eine Berichterstattung über die Konsequenzen, die wir aus dem Klimawandel ziehen, interessanter. Diese Generation ist nicht die erste, die große Probleme zu lösen hat. Aber mir scheint, manche Journalisten suchen lieber nach Schuldigen als nach Lösungen. Ich brauche keine Katastrophen-Fantasien. Mir reichen nüchterne Berichte über aufregende Sachverhalte, die ich verstehen möchte.

Der Laie hat nicht die Möglichkeit, die Chancen und Risiken beispielsweise technischer Innovation wirklich einzuschätzen. Sollten Journalisten da nicht durch Technikbewertung Hilfe anbieten?

Fischer_ Wenn Journalismus etwas beabsichtigt, wird er gefährlich. Wer alle Fakten zusammenträgt, um einen bestimmten Sachverhalt zu verstehen und verständlich zu machen, hat schon sehr viel geleistet. Wenn ich aber mit einer Geschichte zum Beispiel meinem Leser die Solarenergie schmackhaft machen möchte, überschreite ich eine Grenze. Der Job ist es, die Vor- und Nachteile zu beschreiben.

Es geht in der Regel in eine extreme Richtung. Wäre da mehr Meinungsvielfalt nicht wünschenswert?

Fischer_ Bei Meinungsvielfalt bin ich sofort dabei. Und es wäre schon viel geholfen, wenn jeder, der von einer Sache überzeugt ist, auch versuchte, die Gegenargumente zu hören.

Gabriele Fischer ist Gründerin und Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „brand eins“. Fischer hat Politik, Soziologie und Germanistik in Freiburg studiert und ihre journalistische Ausbildung in der Henri-Nannen-Schule in Hamburg erhalten. Ihre journalistischen Stationen waren der „Weser Kurier“ und das „Manager Magazin“, dessen stellvertretende Chefredakteurin sie war.
1997 verließ Gabriele Fischer das „Manager Magazin“ und entwickelte im gleichen Verlag das Wirtschaftsmagazin „Econy“, aus dem der Verlag nach zwei Ausgaben ausstieg. Gabriele Fischer kaufte die Rechte und produzierte „Econy“ bis Ende 1998 im Eigenverlag. Zum Jahreswechsel 1998/99 stieg der Verlag für Wirtschaftsmedien bei „Econy“ ein. Im Juli 1999 trennten sich Verlag und Redaktion. Der Verlag produzierte „Econy“ mit neuer Redaktion weiter, stellte das Magazin dann aber im April 2000 ein.
Das Redaktionsteam um Gabriele Fischer entwickelte währenddessen das Wirtschaftsmagazin „brand eins“, das seit August 2005 monatlich erscheint (verbreitete Auflage im Quartal 4/2011: rund 102.000 Exemplare, Quelle: IVW).

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO brand eins