Franz Miller: „Medien haben Angst, parteiisch zu werden“

Miller: „Sehr wichtig, dass es Innovationsjournalisten gibt, die in der Lage sind, den Gesamtzusammenhang zu verstehen und sich nicht nur mit den Einzelaspekten befassen.“

„Die Medien tun sich mit vielen Innovationen sehr schwer“, beobachtet Franz Miller, Kommunikationschef der Fraunhofer-Gesellschaft. Für die Fraunhofer-Gesellschaft ist Innovation Alltag – mehr als 20.000 Menschen arbeiten in den 80 Einrichtungen der Forschungsorganisation daran, die Welt zu verändern: Innovation sei, so Miller, immer ein „gelungener Veränderungsprozess“ – der sich allerdings stets gegen Widerstände durchsetzen muss.

Herr Miller, was ist Innovation für Sie?

Franz Miller_ Der Begriff ist leider inzwischen ein bisschen abgedroschen. Im Unterschied zu anderen Begriffen drückt er die Ambivalenz der Moderne am besten aus. Er hatte lange in der Versenkung gewartet, doch hat er sich seit etwa 20 Jahren sehr stark in den Vordergrund gespielt. Auch im Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ ist diese Ambivalenz enthalten. Früher hat man eher einen Begriff wie „Fortschritt“ benutzt – der wurde dann heftig umstritten, weil nicht jede technische Entwicklung einen Fortschritt für die Menschheit bedeutet.

Innovation betrachten wir etwas breiter als Schumpeter es noch gesehen hat: Wir sehen Innovation als einen Veränderungsprozess nicht ihn nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft. Solche Prozesse haben immer einen Widerstand zu überwinden und nicht jeder Veränderungsprozess gelingt. Darum ist für uns Innovation ein gelungener Veränderungsprozess: Etwas hat sich gegen alles andere durchgesetzt, weil es möglicherweise besser ist. Manchmal setzt sich auch nicht das Bessere durch, sondern die Marktmacht. Aber zur Innovation gehört eben auch das Durchsetzen am Markt und das Durchsetzen bei den Menschen.

Welche Rolle spielen denn Journalisten und Medien in der Durchsetzungsphase?

Miller_ Die spielen natürlich eine erhebliche Rolle. Die Medien bestimmen Trends und unterstützen damit ganz entscheidend, dass sich bestimmte Innovationen am Markt etablieren können. Denn letztlich entscheiden die Menschen – das wird bei technischen Entwicklungen oft vergessen. Journalisten sagen häufig „das ist doch Blödsinn, was da entwickelt wird“, aber die Menschen entscheiden am Ende, ob sie es kaufen. Wenn die Leute es kaufen, kommt es offensichtlich an.
Der Markt der Innovationen wird von den Menschen bestimmt. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es gute Entscheidungen sind. Dabei spielen die Medien dann eine Schlüsselrolle. Die Medien prägen das Bild der Menschen und lösen die Meinungswellen oft aus oder unterstützen sie zumindest. Die Medien sind insofern entscheidend für die Durchsetzung.

Was ist Ihr Eindruck, wie Medien mit Innovation umgehen?

Miller_ Die Medien tun sich mit vielen Innovationen sehr schwer. Bei technischen Innovationen tun sie sich schwer, weil sie das Technische verstehen müssten. Das ist wiederum eng mit wirtschaftlichen Aspekten verknüpft, es gibt ja eine Verbindung zwischen Technik und Markt. Angesichts der Trennung zwischen Wirtschaftsjournalisten, die die Wirtschaft verstehen, von der Technik aber keine Ahnung haben, und Technikjournalisten, die technische Details verstehen, aber oftmals wenig Kenntnis der ökonomischen Hintergründe besitzen, fällt es den Medien häufig schwer, die Prozesse zu erkennen und zu erklären. Wir erleben etwas Vergleichbares im Moment mit der Wirtschafts- und Finanzkrise: Wir bemerken es erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dabei sollten die Medien als „Wächter“ das Problem früher erkennen und die Menschen aufklären.

Hinzu kommt, dass es bei Veränderungsprozessen immer politische oder gesellschaftliche Widerstände gibt. Es gibt Gruppen, die das Alte verteidigen und es gibt andere, die etwas verändern wollen. Die Medien haben dann immer Angst, parteiisch zu werden und zwischen politische und gesellschaftliche Gruppierungen zu geraten. Früher waren Medien oft von solchen Gruppierungen geprägt und haben sich eindeutig dazu bekannt, heute hat sich das mehr oder weniger aufgelöst.
Mein Eindruck ist, dass die Medien sich deswegen oftmals schwer tun. Medien vermeiden Partei, zu ergreifen – aber es ist immer ein Kampf zwischen unterschiedlichen Gruppen und Interessen. Das Neue muss sich gegenüber dem Bestehenden durchsetzen.  Wir erleben das heute bei allen großen Veränderungsprozessen.

Ihr Job ist es, Innovation zu kommunizieren. Wie reagieren Sie auf die Situation, die Sie gerade beschrieben haben?

Miller_ Wir wissen, dass Innovationsprozesse typische Kurven durchlaufen. Wenn man eine neue Technologie hat, gibt es am Anfang eine Riesen-Euphorie. Die Medien schreiben wie toll das alles ist und kündigen den Durchbruch an.

Die Euphorie ebbt dann nach einiger Zeit ab. Dann sagen die Leute, dass es tot ist. Ein Beispiel dafür ist die personalisierte Behandlung in der Medizin: Vor fünf bis zehn Jahren wurde verkündet, dass wir jetzt mit gentechnischen Methoden Medikamente testen und auf jeden Menschen zuschneiden könnten. Das war der große Hype, jeder war begeistert. Heute schreiben die Journalisten, das sei alles Quatsch, es tauge nichts und werde sowieso noch dauern. Der Innovationsprozess geht durch ein Tal, manche beschreiben es sogar als das „Tal des Todes“. Die Euphorie ist weg und manche, die am Anfang auf die Innovation gesetzt haben, sind pleite.

Dann beginnt die Innovation erst zu greifen – es kommt ein Schritt nach dem anderen und das Neue setzt sich durch. Dann sind die Medien aber gar nicht mehr so euphorisch und sagen: „Jetzt machen die endlich, was wir vor zehn Jahren schon gesagt haben.“ Die Euphorie ist weg und die Medien merken oftmals gar nicht, dass der Durchbruch da ist.

An diesem Punkt geht es dann auch um viel Geld. Die Technik steht nicht mehr im Vordergrund, sondern die Wirtschaft. Wir erleben das derzeit mit der Solarenergie: 20 Jahre lang stand die Technik im Vordergrund, jetzt geht es nur noch darum, ob die Chinesen schlechte oder nur billigere Module herstellen. Es geht nicht mehr um die technische Entwicklung, sondern um die wirtschaftlichen Interessen, die dahinter stehen. Um die Frage, wem es gelingt, die Führungsposition zu übernehmen.

Diesen typischen Prozess sehen wir eigentlich bei allen technischen Innovationen: Nach der großen Euphorie bricht erst einmal alles zusammen. Wir kennen und wissen das. Darum versuchen wir die Euphorie am Anfang etwas zu bremsen und klar zu machen, dass die Innovation noch Zeit braucht. Eine Innovation stößt am Anfang immer ein riesengroßes Tor zu einem verblüffenden Raum der Möglichkeiten auf. Nach der Euphorie wird erst klar, welcher Weg sinnvoll ist und welcher nichts taugt. Jede Innovation muss erst die richtigen Anwendungsbereiche finden, in denen sie sich durchsetzten kann.
Ich sage dann auch, dass wir das Tal durchstehen müssen. Wir müssen die Technik warm halten, während sie sich bewährt.

Wenn man diese Prozesse kennt, weiß man auch wie man in den entsprechenden Phasen seine Öffentlichkeitsarbeit betreiben kann, um den gesamten Prozess zu beschleunigen. Das Tal dauert eine gewisse Zeit und man darf dann auch nicht ungeduldig sein und muss den Medien immer wieder klar machen, dass die Veränderung noch eine gewisse Zeit dauern wird.

Sie sprechen von einer Anfangseuphorie. Andere Stimmen behaupten, Journalisten seien am Anfang immer skeptisch. Reden wir von unterschiedlichen Journalisten oder wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Wahrnehmung?

Miller_ Es kann sein, dass es unterschiedliche Typen von Journalisten gibt. Mein Eindruck ist allerdings, dass der größere Teil der Journalisten eher die Hypes betreibt. Der größere Teil ist neugierig und freut sich, neue Themen mit zu pushen. Es gibt natürlich immer Leute, die warnen und kritisch sind. Aber ich glaube in der ersten Phase überwiegen die Euphorischen.
Es gibt natürlich auch die kritischen Journalisten mit ihren üblichen Grundsatzfragen, etwa „Braucht die Menschheit das?“ Ich weiß inzwischen, dass es die falsche Frage ist. Wenn die Menschen etwas wollen, dann wollen sie es eben. Wenn der Journalist der Meinung ist, die Menschen seien dumm, darf er diese Einschätzung äußern, aber die Mehrheit verhält sich trotzdem so.

Es gibt immer Warner und Kritiker unter den Journalisten, aber die schieben sich erst in einer späteren Phase in den Vordergrund.

Welchen Zeitpunkt würden Sie Journalisten für die Berichterstattung über Innovation empfehlen?

Miller_ Sie müssen die Abläufe der Innovation kennen, sie müssen wissen, wer die Beteiligten in den Innovationsprozessen sind und wo die Auseinandersetzungen stattfinden. Die Journalisten sollten sich genau ansehen, wo die Vorteile liegen. Wem Nutzen die Vorteile? Welche Firmen haben eher Nachteile?

Ein Beispiel: Durch die stärkere Nutzung regenerativer Energien haben die großen Energieversorger Nachteile. Man muss sehen, dass sich ihre Marktanteile reduzieren – und das ist für jedes Unternehmen schlimm. Diese Firmen haben erhebliche Probleme durch die Innovation und werden versuchen, etwas dagegen zu unternehmen.

Deswegen müssen Journalisten sich bei Innovationsprozessen immer ansehen, wer Vorteile und wer Nachteile haben könnte. Wenn man das analysiert, versteht man auch, warum die einzelnen Gruppierungen in der jeweiligen Art und Weise reagieren. Und das hat dann nichts mit dem technischen Prozess zu tun. Solche Probleme entstehen bei jedem Technologiewechsel, beispielsweise bei der Ablösung der Glühlampe durch LED. Die LED kommt aus der Halbleitertechnik – eine völlig andere Technik als die Glühbirne. Dadurch kommen andere Unternehmen ins Spiel und neue Player treten auf den Markt.  Jetzt geht es darum, ob Unternehmen wie Osram und Philips in Deutschland diesen Wechsel schaffen. Die Birnen werden nicht mehr produziert, die Firmen müssen ihre Fabriken auslaufen lassen. Schaffen sie den Wechsel auf die neue Technologie? Bei solchen Technologiewechseln werden die Karten in der Wirtschaft neu gemischt.

Das zu erkennen ist sehr wichtig, auch wenn es nicht einfach ist, diese Prozesse zu beobachten. Insofern ist Innovationsjournalismus nicht so einfach: Es geht um ein vielfältiges Geflecht aus Technik und Gesellschaft.

Kommen Journalisten aktiv auf der Suche nach Innovationsthemen auf Sie zu oder reagieren die eher auf die von Ihnen gesetzten Themen?

Miller_ Journalisten kommen häufig auf uns zu. Sie haben natürlich immer ein großes Interesse an allem Neuem und wollen auch analysieren, ob sich etwas Neues zum Trend entwickelt. Um die Weihnachtszeit herum werden wir regelmäßig gefragt, wo im  nächsten Jahr technische Durchbrüche zu erwarten sind.

Es gibt natürlich auch Journalisten, die merken, dass etwas passiert und dann darüber mehr wissen möchten. Die sehen das Thema häufig kritisch und bitten uns, die Technik zu erklären. Beispielsweise kommen im Moment viele Fragen zum Thema Netzausbau. Die Journalisten fragen, ob wir andere Stromnetze brauchen oder wie stark die Netze ausgebaut werden müssen. Beim Thema Elektromobilität gibt es häufig Fragen zu den Batterien.

Sind die Journalisten, mit denen Sie es zu tun haben, immer auf dem neuesten Stand, oder haben Sie das Gefühl, sie hinkten immer einen Schritt hinterher?

Miller_ Das kann man nicht generalisieren. Viele sind auf dem neuesten Stand. Darum freuen wir uns immer, wenn wir mit Journalisten zusammen kommen, die auf einem Gebiet bereits länger tätig sind. Wir wissen, dass die sich auskennen und auch entscheiden können, wo nur heiße Luft ist oder wo wirklich etwas Fundiertes dahinter steckt.

Es gibt aber auch viele Journalisten, die nur kurzfristig in ein Thema geworfen werden. Die haben meist wenig Ahnung und müssen kurzfristig einen Beitrag machen. Journalisten von Tageszeitungen oder vom Fernsehen haben oft von der Technik keine Ahnung, wissen nicht, was es sonst noch gibt und können manchmal auch gar nicht einordnen, ob eine Technik nur für Deutschland relevant ist oder ob die Amerikaner vielleicht auf dem Gebiet viel besser sind. Da kann man sich nur bemühen, ihnen das Thema verständlich zu machen und auch eine gewisse Orientierung zu geben, damit sie nicht völlig daneben treten.

Manchmal sind es auch junge Leute, zum Beispiel Volontäre, die die nötige Erfahrung noch gar nicht haben können. Wir fragen dann oft, ob wir noch zusätzliches Material schicken sollen, damit die Journalisten sich schneller in das Themengebiet einarbeiten können.  Es gibt da nicht den einen Typ Journalist, sondern viele unterschiedliche. Mit den meisten arbeiten wir wirklich gut zusammen.

Wie könnte man Innovationsjournalismus denn am besten fördern? Wo könnte man ansetzen?

Miller_ Ich glaube, wir brauchen bei Journalisten – wie bei Ingenieuren – mehr Wissen über Wirtschaftszusammenhänge. Das hat unser Präsident Professor Hans-Jürg Bullinger schon immer gesagt. Man müsste daran arbeiten, dass Veränderungsprozesse, die ja auch politischer Art sind, besser verstanden werden.

Bei vielen technischen Entwicklungen, im Moment beispielsweise beim Thema Netzausbau, gibt es politische Auseinandersetzungen mit den Bürgern. Es stellen sich aber auch wirtschaftliche Fragen. Wir müssen uns etwa fragen, ob wir den Netzausbau besser unterirdisch machen sollten – das ist aber teurer als oberirdisch, und vielleicht hat der Netzbetreiber dafür gar kein Geld. Neben der Technik müssen auch solche Aspekte betrachtet werden.

Ein Innovationsjournalist müsste also in der Lage sein, politische, technische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Er kann auf einem Gebiet seinen Schwerpunkt haben, er muss aber die anderen beiden auch verstehen. Der Ansatzpunkt ist also, den Journalisten zu Einblicken in die anderen Bereiche zu verhelfen. Dann kommen wir voran, glaube ich. Ich denke, es ist eine der zukünftigen großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, diese Veränderungsprozesse zu verstehen. Wir brauchen Leute, die diese Prozesse kommunikativ begleiten und unterstützen.

Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass es Innovationsjournalisten gibt, die in der Lage sind, den Gesamtzusammenhang zu verstehen und sich nicht nur mit den Einzelaspekten befassen.

Welches Innovationsfeld besitzt für Sie das größte Themenpotenzial?

Miller_ Es ist schwierig, nur eines auszuwählen, denn es laufen ja gleichzeitig mehrere Veränderungsprozesse. An erste Stelle, da bin ich überzeugt, sehe ich die Energiewende. Sie ist beschlossen und wir stehen vor der großen Herausforderung, keinen Masterplan zu haben. Die Unternehmen stehen vor dem großen Problem, dass sie nicht wissen, wo sie investieren können, wo es sicher ist. Sie brauchen aber eine gewisse Sicherheit – wenn man ein Kraftwerk baut, möchte man wissen, ob man damit Geld verdienen kann oder nicht. Die Energieunternehmen stehen im Moment vor großen Herausforderungen bei der Herstellung der Energie, dem Ausbau der Netze und auch der Speicherung von Energie. Es gibt da einen großen Forschungsbedarf. Für Deutschland ist das eine entscheidende Entwicklung, deshalb steht das Thema an erster Stelle. Da hängen andere Themen wie Elektromobilität natürlich mit dran.

Es gibt aber auch andere Themen, die eine große Rolle spielen. Die alternde Gesellschaft mit ihren gesundheitlichen Auswirkungen kommt sicher an zweiter Stelle. Das betrifft auch die Wirtschaft: Wir brauchen Nachwuchs, wir brauchen Techniker. Deshalb müssen ältere Leute länger arbeiten – wie kreativ sind die dann noch? Wir haben da ein Bündel von Problemen, die mit dieser Veränderung der alternden Gesellschaft kommen, da gibt es große Herausforderungen, um die Zukunft weiter positiv zu gestalten.

Franz Miller, Jahrgang 1951, ist seit 1996 Leiter der Pressarbeit und seit 2005 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Fraunhofer-Gesellschaft in München. Miller studierte Germanistik, Geschichte und Politik an der Universität München und war zunächst als Gymnasiallehrer tätig, bevor er sich der Wissenschaftskommunikation zuwandte und 1988 Wissenschaftsredakteur bei der Fraunhofer-Gesellschaft wurde.

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO Fraunhofer-Gesellschaft

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