„Es liegt in der Natur des Menschen, nach positiver Veränderung zu streben“

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Die Initiatoren des Deutschen Preises für Innovationsjournalismus (von links): Christof Ehrhart, Giso Deussen und Andreas Schümchen

Ende April 2013 wird erstmals der Deutsche Preis für Innovationsjournalismus verliehen. Warum dieser Preis nötig ist und was er bewirken soll, erläutern Christof Ehrhart, Giso Deussen und Andreas Schümchen, die drei Initiatoren des Wettbewerbs, im Interview.


Herr Deussen, warum ist dieser Journalistenpreis nötig?

Giso Deussen_ Innovationen sind wichtig, überlebenswichtig in unserer globalen Weltgemeinschaft. Wir leiden aus verschiedenen Gründen politischer, wirtschaftlicher, ideologischer Art eher unter zu wenig als an zu viel Innovationen. Deshalb gilt es, stärker die Defizite, aber auch die Notwendigkeiten von Innovation aufzuzeigen. Journalistisch ist das nicht ganz einfach, denn Innovationen greifen langfristig, Medien aber funktionieren eher kurzfristig: Was heute Thema ist, wird morgen nicht mehr beachtet. Hier will unser Journalistenpreis gegensteuern.
Zudem sind Innovationsthemen allzu sehr versteckt in Sparten wie Technik, Wissen, Auto & Motor sowie Wirtschaft. Sie betreffen aber existentiell alle Lebensbereiche. Daher auch das Motto unserer ersten Ausschreibung: „rundumdenken“.

Was verstehen Sie unter Innovationsjournalismus?

Andreas Schümchen_ Innovationsjournalismus ist keine neue Fachjournalistik, sondern ein bestimmter Blick auf Themen. Es geht darum, dass Innovationen – egal, ob sie in der Technik, der Politik oder dem Sport entstehen – die Gesellschaft verändern. Das geschieht meist nicht plötzlich, sondern in einem längeren Prozess. Innovationsjournalismus bedeutet, solche Veränderungsprozesse zu erkennen, zu beobachten, zu beschreiben und auch in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft zu bewerten.

Was ist für Sie persönlich Innovation? Was macht Innovation aus?

Christof Ehrhart_ Im Kern geht es bei Innovation um Erneuerung mit dem Ziel den Status Quo zu verbessern. Dabei liegt es in der Natur des Menschen, nach positiver Veränderung zu streben. Besonders faszinierend sind aber technische, soziale oder ökonomische Innovationen, die zu wirklich fundamentalen Verbesserungen führen. Nur ein kleines Beispiel: Ohne die Erfindung des Standard-Frachtcontainers in den 50er Jahren gäbe es wohl keine wirtschaftliche Globalisierung.

Gibt es Innovationen, die zu wenig von den Medien betrachtet werden?

Deussen_ Ja, vor allem die Innovationen im sozialen Bereich, die für das Überleben in den Gesellschaften Voraussetzung sind. Man denkt bei „Innovation“ meist zuerst an Technik; andere gleich wichtige Bereiche wie Kunst, Architektur, Design – also Kultur allgemein –, werden allzu oft übersehen.

Was spricht dafür, dass Journalisten sich mehr mit Innovation beschäftigen sollten?

Ehrhart_ Innovation hat viele Facetten und ist in unserer sich rasch wandelnden Welt wichtiger denn je – dabei nur an technische Entwicklungen zu denken, wird dem Thema nicht gerecht. Für Journalisten bieten sich weitaus mehr Anknüpfungspunkte für relevante Berichterstattung, die zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt: So können zum Beispiel soziale Innovationen oder Innovationen aus dem Bereich der Politik wichtige neue Impulse setzen.

Haben Innovationsthemen es schwerer in Redaktionen als andere Themen?

Schümchen_ Redaktionen denken meist in Ressort-Kategorien. Aber Innovation ist ein Querschnittsthema, das oft über Ressortgrenzen hinweggeht. Deshalb fallen Innovationsthemen häufig durch das Ressort-Raster: Das Wissenschafts-Ressort sagt „das ist ein Wirtschaftsthema“, während das Wirtschafts-Ressort sagt, „das ist ein Technikthema“.
Deshalb ein eindeutiges „ja“: Innovationsthemen haben es in Redaktionen meist schwerer, sich durchzusetzen.

Warum unterstützt die Deutsche Post DHL den Preis?

Ehrhart_ Als weltweit führendes Brief- und Logistikunternehmen sind wir selbst ein Motor der Innovation. Zugleich beeinflussen die Innovationen der Zeit – wie etwa die digitalen Medien – auch unser Geschäft. Es ist also sehr wichtig für uns zukünftige Chancen und Herausforderungen, die sich aus Innovationen ergeben, zu erkennen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei denken wir nicht nur an Logistikthemen, sondern betrachten alle gesellschaftlichen Bereiche, die Einfluss darauf haben wie Menschen sich zukünftig bewegen, einkaufen oder kommunizieren.

Ist Innovationsjournalismus wirklich etwas Neues?

Schümchen_ Nein, ganz im Gegenteil: Was wir unterstützen und fördern möchten, ist im Prinzip Qualitätsjournalismus. Das ist Journalismus, der nicht nur dem kurzfristigen Erfolg der spektakulären Schlagzeile hinterherrennt, sich nicht nur an Pressekonferenzen und Produktvorstellungen orientiert und sich auch dafür interessiert, was aus dem Thema von heute morgen und übermorgen wird.
Innovationsjournalismus legt den Fokus auf die Veränderungsprozesse, die die Gesellschaft beeinflussen. Da Veränderungen heute immer schneller ablaufen, ist es eine wichtige Aufgabe von Journalisten, sie zu beobachten und einzuordnen. Darauf möchten wir aufmerksam machen.
Ein Journalismus, der Themen frühzeitig erkennt, sie langfristig beobachtet und ihre Auswirkungen analysiert, ist aber heute angesichts des wirtschaftlichen Drucks in vielen Redaktionen Luxus. Deshalb gehört das aus unserer Sicht gefördert.

Was soll der Deutsche Preis für Innovationsjournalismus langfristig bewirken?

Deussen_ Meine Erfahrung als Juror des von mir vor mehr als 30 Jahren initiierten Deutschen Lokaljournalistenpreises zeigt: Journalisten benötigen öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihre oft wenig geschätzte und schwierige Arbeit. Die prämierten Einsendungen dieses Preises sollen die Notwendigkeit einer entsprechenden Qualifikation des Journalisten, aber auch die entsprechende Sensibilisierung des Publikums befördern.

Dr. Christof Ehrhart ist seit 2009 Direktor Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung von Deutsche Post DHL.

Prof. Dr. Giso Deussen war von 1998 bis 2005 Professor für Medienpolitik und Medienethik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin, wo er den Studiengang „Technikjournalismus“ begründet und aufgebaut hat.

Prof. Dr. Andreas Schümchen ist seit 2000 Professor für Journalistik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg inne und lehrt in den Studiengängen „Technikjournalismus/PR“ und „Technik- und Innovationskommunikation“.

INTERVIEW Jennifer Schwanenberg | FOTO Rainer Keuenhof

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