„Einä Süper-Geschächte“ – Wie der Beitrag „Steaks ohne Sünde“ entstand

In-Vitro-Fleisch-Reportage

Der Mann und das Rindvieh, das er abschaffen möchte: (von links) Kuh Mareijke, Bäuerin Mareijke, Erfinder Willem Frederik van Eelen, Journalist Thomas Wendel und van Eelens Assistent und Fahrer

Der Hunger der Menschheit auf Fleisch überstrapaziert die Erde. In den Niederlanden basteln Forscher an synthetischem Ersatz. Doch Europa droht seinen Know-how-Vorsprung bei synthetischem Fleisch einzubüßen – und die Führung in einer künftigen Schlüsselindustrie an die Amerikaner zu verlieren. Das ist die These von Thomas Wendel, der für seinen „Capital“-Beitrag „Steaks ohne Sünde“ den Deutschen Preis für Innovationsjournalismus 2013 erhielt. Hier schildert er, wie die Story entstanden ist.Es hat schon den gewissen Ekel-Faktor: Rindersteaks aus der Retorte, gezogen aus milliardenfach-vermehrten Stammzellen, ähnlich hergestellt wie Bier – im Bioreaktor. Igittigitt, dachte ich mir, als der befreundete Berliner Fotograf Michael Hughes mich auf den ersten „Kunstfleisch-Hamburger“ im Wert von 250.000 Dollar des Maastrichter Biomediziners Mark Post aufmerksam machte, den der britische Starkoch Heston Blumenthal angeblich bald publikumswirksam braten sollte. „Isch sage diär“, erklärte er mit seinem wunderbaren Londoner Akzent, „das ist einä Süper-Geschächte.“

Ich hatte zwar schon immer ein Faible für schräge Themen. Dieses aber klang besonders schräg. Wie bitte? Fleischklopse aus der Petrischale? Schweinestammzellen, die, vermehrt, mit Hilfe von Elektroschocks zu Muskelfasern trainiert werden, um sie anschließend mit 3D-Druckern zu Schnitzeln zusammen zu tackern? Wem soll das nützen, außer publicity-geilen Forschern?

Es gibt darauf eine überraschende Antwort: Uns allen!

Die Fleischindustrie gefährdet Lebensgrundlagen

Wenn es etwas gibt, was die Natur unseres Planeten besonders ruiniert, was zugleich Anlass und Rechtfertigung für die monströsesten und verschwiegensten Gräueltaten der Menschheit sind, dann ist es unser wachsender Appetit auf Fleisch. Die UN-Welternährungsagentur FAO hat errechnet, dass im Jahr 2010 weltweit 320 Millionen Rinder, 1,4 Milliarden Schweine, 537 Millionen Schafe, 1,2 Milliarden Hasen und Kaninchen, 2,7 Milliarden Enten und gar 55 Milliarden Hühner zu insgesamt 250 Millionen Tonnen Fleisch verarbeitet worden sind. Für 2050, sagt die FAO voraus, werde sich dieser Fleischberg nochmals verdoppeln – schlicht, weil sich immer mehr Menschen dank global steigender Lebensstandards tierische Nahrung leisten können.

Dabei gehört die Fleischindustrie mit mehr als 1000 Milliarden Dollar Umsatz schon heute zu den wirtschaftlich bedeutendsten Branchen des Globus – und gefährdet längst unsere Lebensgrundlagen: Mehr als Zweidrittel der globalen Landwirtschaftsflächen werden bereits als Weiden oder zum Futteranbau genutzt – dagegen ist selbst der zuletzt wegen seines Flächenfraßes viel kritisierte Biosprit-Pflanzenanbau (5 Prozent) ein Kinkerlitzchen.

Weil der Fleischkonsum steigt, verschwinden Flächen für Gemüse, Getreide oder Obst. Beim UN-Hungerhilfswerk WFP gilt deshalb die Fleischeslust der Verbraucher, so formuliert es WFP-Deutschland-Statthalter Ralf Südhoff, als „Hauptverursacher des wachsenden Welthungers“. Auch die Frischwasserknappheit in vielen Teilen der Welt wird dadurch beschleunigt. Werden für das Ziehen etwa von einem Kilo Kartoffeln 287 Liter Wasser benötigt, so sind es je Kilo Rindfleisch 15.415 Liter, errechneten Wissenschaftler. Für Schweine- oder Hühnerfleisch müssen auch noch rund 5.000 Liter je Kilo aufgewendet werden.

Schon der Schriftsteller und spätere britische Premier Winston Churchill regte sich 1931 über diese Ressourcenvergeudung auf: Wir sollten, schrieb Churchill, in 50 Jahren mit der „Absurdität“ aufgehört haben, „ein ganzes Huhn aufziehen, nur um Brust oder Flügel zu essen“. Wohl wahr.

Nur: Keiner hat sich in den 50 Jahren nach 1931 da heran gewagt. Bis auf einen Mann: Willem van Eelen aus Amsterdam, den Erfinder synthetischen Fleisches.

Wir sind zu ihm gereist, in sein Apartment mit Wasserblick. Für den Fotografen Michael Hughes hat er sich später auch auf eine Weide im Amsterdamer Vorort Durgerdam gestellt, zusammen mit der Kuh Mareijke, die wir von einem Bauern für das Fotoshooting ausgeliehen haben. Der Mann und das Rindvieh, das er abschaffen und damit vor dem Schlachthof retten möchte. Ein Bild großer Symbolkraft.

Van Eelen mag mit seinen 90 Jahren gebrechlich wirken. Er redet aber immer noch wie ein junger Heißsporn, wenn es um sein Lebensthema geht: Die Abschaffung des Schlachtviehs.

Er ist ein Besessener. Er hat als Jugendlicher in Indonesien in japanischen Gefangenenlagern gesessen, jahrelang. Als die GIs kamen, um die Kriegsgefangenen zu befreien, habe man sein Rückgrat von vorne durch den Bauch schimmern sehen, erzählt er mir. „Ich war 21 und wog 23 Kilogramm. Ich weiß, was Hunger ist.“

Die Obsession feierte nach 60 Jahren ihren ersten Triumph

Was folgte, waren fünf Jahrzehnte Kampf. Er studierte, um Wege für die Produktion künstlichen Fleisches zu finden. Er gründete Unternehmen, um seine privaten Forschungen zu finanzieren. Und er ließ seine Familie dafür leiden. 2006 war es dann aber so weit: Ihm wurde das erste Patent der Welt auf die Produktion von synthetischem Fleisch erteilt. Die Obsession feierte nach 60 Jahren ihren ersten Triumph.

Ich komme selbst aus einer Erfinderfamilie. Van Eelen erinnerte mich mit seinem Elan, seiner Sturheit und seinem phasenweisen Scheitern an meinen Vater, der ein Beleuchtungssystem entwickelt hat, das die Sonne perfekt imitiert. Wie mein Vater war van Eelen seiner Zeit Jahrzehnte voraus. Innovation geht immer Vision voraus. Es ist mehr ein Gefühl, auf der richtigen Fährte zu sein, als ein wissenschaftlicher Beweis. Das verstehen die meisten Menschen nicht. Erst recht nicht die Fachleute. Deshalb rannte van Eelen sein Leben lang gegen Mauern. Auch und gerade des Wissenschaftsbetriebs.

Für van Eelen gibt es nichts Antiquierteres, als Tiere mit großem Aufwand zu züchten, um sie dann wegen ein paar saftiger Fleischlappen zu schlachten und den Rest wegzuwerfen. Das ist für ihn nicht nur ökonomisch und ökologisch unvernünftig. Sondern auch ethisch nicht zu rechtfertigen. Für die Wissenschaft gibt es hingegen fast nichts Schwierigeres, als aus einzelnen Stammzellen funktionstüchtiges Gewebe herzustellen – und das auch noch in einem industriellen Prozess: Denn zu Demonstrationszwecken darf ein Kunstfleisch-Hamburger vielleicht 250.000 Euro kosten. Im Supermarkt muss er aber später beim Preis mit konventionellen Fleisch und Wurst konkurrieren.

Irgendwann wird es in jedem Haushalt einen Bioreaktor geben, in dem man Kunstfleisch ausbrüten kann

Dabei liegen die Vorteile synthetisch-erzeugten Fleisches auf der Hand: Der Ressourcenverbrauch reduziert sich deutlich. Anders als bei tierischer Produktion lassen sich die Übertragung von Krankheiten wie BSE oder Vogelgrippe ausschließen. Zudem kann Kunstfleisch theoretisch in jeder Geschmacksrichtung und Struktur produziert werden. Wer etwa Schwein mit einem Tick Hühnchengeschmack mag, bitte sehr, der kann das erhalten. Irgendwann, glaubt van Eelen, wird es in jedem Haushalt einen kleinen Bioreaktor geben, in dem man Kunstfleisch ausbrüten kann, so wie es heute beinahe überall Mikrowellenöfen gibt.

Immerhin hat van Eelens erstes Patent dafür gesorgt, dass der niederländische Staat 2006 ein Zwei-Mio.-Euro-teures Forschungsprogramm auflegte. Seitdem wird an den biomedizinischen Fakultäten der Unis in Utrecht, Amsterdam sowie an der TU Eindhoven Grundlagenforschung betrieben. Das hat die Niederlande zu so etwas wie dem Nukleus für ein Silicon Valley des Synthetikfleisches gemacht.

Doch wir sind in Europa. Und in Europa werden Innovationen zu selten als Chance begriffen. Nach drei Jahren war das Fördergeld aufgebraucht. Seither forschen die Wissenschaftler am synthetischen Fleisch auf eigene Faust weiter. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit human-medizinischer Forschung, etwa zur Züchtung menschlicher Organe aus Stammzellen. Und auch die Fleischindustrie, einst mit der niederländischen Tochterfirma der spanischen Campofrío-Gruppe, Stegeman, für die Koordination des Forschungsprojektes zuständig, hat sich zurückgezogen.

Europa stellt sich selbst ein Bein

Selbst unter diesen Bedingungen erreichen die Wissenschaftler Durchbrüche. So haben die Amsterdamer Mikrobiologen Joost Teixera de Mattos und Klaas Hellingwerf eine Methode entwickelt, wie sich aus Mikroben eine billige Nährlösung für die Züchtung von Fleischzellen herstellen lässt. Dieser Designernährstoff auf Algenbasis macht eine industrielle Herstellung von synthetischem Fleisch erst möglich. Doch selbst in den Labors wird der Stoff nicht in großem Stil eingesetzt – weil ein Teil der enthaltenen Mikroben, die das Wachstum von Muskelfleisch steuern, genmanipuliert ist. Damit sind sie in der EU nicht zur Lebensmittelerzeugung zugelassen. Europa stellt sich selbst ein Bein.

Die Europäer müssen sich jedenfalls sputen. Statt erratischer Forschungsprojekte sind kontinuierliche Finanzierungen gefragt. Statt Regelwut mehr wissenschaftliche Freiheit. Und auch der Umgang der Gesellschaft mit der Gentechnik gehört entstaubt: Nicht alles, was mit Genmanipulation zu tun hat, bringt uns Dr. Frankenstein. Sondern vielleicht Hilfe bei der Lösung globaler Probleme.

Die Amerikaner pflegen jedenfalls einen offeneren Umgang mit Kunstfleisch. Kürzlich hat sich die New Yorker Hightech-Investmentlegende, der Paypal-Mitgründer und Facebook-Financier Peter Thiel, an dem Startup Modern Meadows beteiligt. Die Firma aus Missouri meldete kürzlich, sie habe ein erstes Mini-Schnitzel in einem 3-D-Drucker fabriziert.

Und was ist aus dem Maastrichter Kunst-Hamburger geworden? Er wurde im August endlich gebraten. Im Beisein vieler Journalisten. Eine gute PR-Show. Mehr nicht. Denn dafür wurde nur tausendfach reproduziert, was man sowieso längst beherrscht hat: Fleischzellen aufwändig in Petrischalen zu züchten. Statt der ursprünglich angesetzten 250.000 Dollar hat der Kunstfleischklops übrigens laut Medienberichten 300.000 Euro gekostet. Und vom Starkoch Heston Blumenthal war auch keine Rede mehr.

Innovativ ist das alles nicht.

Armes Europa.

Thomas Wendel, Jahrgang 1964, gehört zu den profiliertesten Technologiejournalisten Deutschlands. Der Politologe arbeitete zunächst freiberuflich für „Spiegel“, „Spiegel Special“, „brand eins“, „Die Woche“ und „Die Zeit“, bevor er in die Redaktion der „Berliner Zeitung“ eintrat.
Zuletzt arbeitete er als Reporter für die „Financial Times Deutschland“ und „Capital“. In dem Wirtschaftsmagazin erschien in der Oktober-Ausgabe 2012 sein Beitrag „Steaks ohne Sünde“ über synthetisches Fleisch, der am 24. April 2013 auf dem DHL Innovation Day in Spich mit dem Deutschen Preis für Innovationsjournalismus in der Kategorie Publikumsmedien ausgezeichnet wurde – der Preis wird von der Deutschen Post DHL in Kooperation mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie der Fraunhofer-Gesellschaft jährlich verliehen.

TEXT Thomas Wendel | FOTO Michael Hughes

Dieser Beitrag (Text) ist unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-ND 3.0 verfügbar. Einzelheiten auch unter Nutzungsbedingungen.

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