Tom Foremski: „Das Valley ist wie eine Schulcafeteria“

Foremski: „Einfach nur über Technik zu schreiben wäre langweilig, spannend sind der Nutzen oder die Probleme.“

Tom Foremski gab seine sichere Redakteurstelle bei der „Financial Times“ auf, um einen eigenen Blog zu starten. Der „Silicon Valley Watcher“ beobachtet technische und kulturelle Entwicklungen im Herzen der amerikanischen New Economy. Im Interview mit Jennifer Schwanenberg erklärt er, welchen Stellenwert Innovationsjournalismus hat und wie seine eigenen Geschichten funktionieren.

Auf einer Tagung haben Sie die Frage gestellt, ob die alten Medien sterben, noch bevor die neuen Laufen gelernt haben. Haben Sie eine Idee, was Medienleute tun könnten, um diesem Wandel zu helfen?

Tom Foremski_ Ich weiß nicht recht. Ich denke, wir müssen den Wandel einfach durchhalten. Je schneller wir durch kommen, desto besser.

Wo geht der Wandel Ihrer Meinung nach hin?

Foremski_ Natürlich online – zu digitalen Medien. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie das Geschäftsmodell aussehen wird.

Sie haben einen sicheren Arbeitsplatz bei der „Financial Times“ verlassen, um Blogger zu werden. Haben Sie ein Geschäftsmodell dafür?

Foremski_ Ja, aber es ändert sich ständig. Erst waren es Sponsorings, heute ist es eine Mischung aus Sponsoring und Werbung.

Sie schreiben über Innovationen, Sie sprechen auf Tagungen über Innovationsjournalismus, würden Sie sich als Innovationsjournalisten bezeichnen?

Foremski_ Nein. Ich fühle mich einfach als Journalist. Aber ich mag den Weg, wie David Nordfors Innovationsjournalismus beschreibt: Dass es alle Ressorts umfasst: Technik, Wirtschaft, Politik, Kultur, Kunst. Ich habe Technik schon immer aus diesem Blickwinkel betrachtet. Ich kümmere mich nicht um das neue iPhone – das kann man überall lesen – ich will über die kulturelle Geschichte des iPhones schreiben. Wie es in den unterschiedlichen Kulturen weltweit unterschiedlich gehandhabt und angesehen wird. Es ist immer eine Kulturfrage, wie Technik genutzt wird. Ich denke, umso mehr wir alle voneinander wissen, desto weniger Probleme werden wir haben.

Sie betrachten in Ihren Geschichten sehr häufig das große Ganze. Was braucht man dafür, um so viele Sachen im Blick zu behalten?

Foremski_ Man muss interessiert sein. Du solltest dich für Kultur interessieren, für Kunst, für Politik – Du solltest Grundwissen in Politik, Geschichte und Philosophie haben. All dieses Wissen können Journalisten nutzen, um tolle Geschichten zu schreiben. Sie entdecken andere Geschichten, wenn sie auch den historischen Kontext kennen. Ich schreibe jetzt seit 25 Jahren über das Silicon Valley, da hilft es mir manchmal die Geschichte verfolgt zu haben, zu sehen, dass etwas in den 80ern schon mal passiert ist, was andere Autoren vielleicht übersehen. Aber das macht auch den Spaß aus. Einfach nur über Technik zu schreiben wäre langweilig, spannend sind der Nutzen oder die Probleme.

Ihre Leser sind offensichtlich der gleichen Meinung. Wissen Sie, wer den Blog liest?

Foremski_ Das ist eine wirklich gute Frage. Wer sind meine Leser? Es sind sicher viele im Silicon Valley, PR-Spezialisten, Techniker – aber in erster Linie habe ich einen Leser: Mich. Wenn ich eine Geschichte interessant und gut finde, dann mache ich sie. Damit mache ich zuletzt immer eine Person glücklich.

Alle betonen immer, wie wichtig das Netzwerk ist. Sie sind der Silicon Valley Watcher – kennen Sie jeden im Valley?

Foremski_ Nein, wirklich nicht. Aber das Valley ist sehr undicht – es erinnert mich an eine High-School-Cafeteria: Die Gruppen sitzen verteilt, aber die Geschichten verteilen sich. Es passieren viele Dinge und es gibt haufenweise Netzwerke, die ich nicht kenne, weil sie sehr privat sind. Aber insgesamt ist es wie ein nettes, kleines Dorf, auch wenn die Unternehmen global arbeiten.

Welche Rolle spielt Social Media in Ihrer Arbeit?

Foremski_ Dinge wie Twitter bringen neue Entwicklungen hervor. Auf Twitter kannst Du nachverfolgen, welche Entwicklung Deine Geschichte nimmt, sobald sie veröffentlicht wurde. Du siehst weitere Meinungen und Kommentare dazu – manchmal ändern Leute die Überschrift Deines Artikels, weil sie einen anderen Aspekt als wichtiger betrachten. Social Media kann Dir helfen, ein besserer Reporter zu werden. Ich habe auch erst langsam angefangen, das zu tun. Es ist überraschend zu sehen, dass es immer noch Journalisten gibt, die nur ihr Telefon und PR-Texte nutzen. Das ist sehr schade.

In David Nordfors Theorie wird Journalismus als einflussreicher Faktor im Innovationssystem gesehen. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Artikel das Geschehen im Valley beeinflussen?

Foremski_ Das ist schwierig zu sagen. Manche meiner Ideen werden sicher aufgegriffen – was aber ganz natürlich ist. Es macht Spaß, Teil dieses Prozesses zu sein, auch wenn ich mir sicher bin, dass die meisten Dinge auch ohne mich passiert wären. Ich sehe manchmal um eine andere Ecke und bringe die Leute auf andere Ideen. Ich habe aber auch sehr viele unerfolgreiche Ideen.

Gerade im Innovationsjournalismus ist die journalistische Unabhängigkeit ein schwieriges Thema. Man muss vorsichtig mit den Themen sein, weil der Journalist Einfluss auf den Erfolg einer Innovation haben kann. Denken Sie, dass das beherrschbar ist?

Foremski_ Ich denke, wie in jedem Journalismus solltest du fair sein und Interessenskonflikte vermeiden. Wobei nicht alle Interessenskonflikte gleichwertig sind. Wenn ich einen Freund in einer Firma habe, der mich bittet über diese zu schreiben, kann ich das tun oder nicht. Wenn ich aber ein Investment in der Firma habe, ist das eine andere Ebene. Selbst wenn ich die Technik, die dort produziert wird, für besonders gut halte, befinde ich mich in einem Interessenskonflikt. Ich kritisiere beispielsweise Michael Arringtons Investments in Start-Ups. Er bringt sich und den Blog „Techcrunch“ dadurch in einen kaum zu überwindenden Interessenskonflikt (Anm. der Red.: Einen Überblick über die Problematik gibt netzwertig.com-Redakteur Martin Weigert).
Auf der anderen Seite lassen die neuen Medien über alte journalistische Regeln neu nachdenken und selbst, wenn wir die Messlatte am Ende wieder an die gleiche Stelle legen, hatte die Diskussion etwas Gutes. Es ist gerade eine spannende Zeit.

Denken Sie, das wird dazu beitragen, die Qualität des Journalismus wieder zu stärken?

Foremski_ Ja, das wird es. Wir kommen wieder zu einer guten Qualität. Aber bis dahin wird es erst noch mal schlechter werden – da muss die Branche durch. Ich hoffe es ist nur eine kurze Phase. Wie in der Computerbranche – es muss diese zerreißenden Zeiten geben, um sich weiter zu entwickeln.

Tom Foremski bezeichnet sich selbst als ersten Journalisten, der ein führendes Medium, die Financial Times, verließ, um hauptberuflich Blogger zu werden. Foremski kam 1984 nach San Fransisco und berichtet seit dem über den amerikanischen Technologie-Markt. In seinem Blog Silicon Valley Watcher berichtet er über die kulturellen und techischen Entwicklungen im Silicon Valley.

INTERVIEW Jennifer Schwanenberg | FOTO Andreas Schümchen

Das folgende Videointerview fand im Rahmen der Tagung „Innovation Journalism VIII“ 2010 statt. Auf der Tagung stellte David Nordfors seinen Ansatz zum Innovation Journalism vor.

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