Constantin Gillies: „Bei mir schlagen zwei Herzen in der Brust“

Constantin Gillies_David Weimann

Constantin Gillies: „Ich bin mit dem Computer groß geworden und habe meinen Commodore 64 geliebt.“

Constantin Gillies ist ein Nerd im Wirtschaftsressort. Der freie Journalist schreibt neben Büchern über Technik auch viele Artikel, die seine Begeisterung für das Neue widerspiegeln, ohne dabei dem Leser vorzuschreiben, was er davon halten soll. Für sein Unternehmensporträt „Erste Hilfe“ über den Automobilzulieferer Peiker hat er den Deutschen Preis für Innovationsjournalismus 2013 gewonnen.

Herr Gillies, Sie sind für einen innovationsjournalistischen Beitrag ausgezeichnet worden. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

Constantin Gillies_Die Kollegen von der „Automotive Agenda“ wollten ein komplettes Heft zum Thema Innovation machen. Man kann dafür natürlich zu den großen Automobilkonzernen fahren und sich dort das ansehen, was auch den anderen Kollegen schon gezeigt worden ist. Wir waren uns aber gleich einig, dass wir diese Strecke nicht fahren wollten. Wir wollten stattdessen schauen, wo der Mittelstand innoviert und wie er das macht. Ein Kollege schlug dann Peiker vor, ein Unternehmen, von dem er zu Recht vermutete, dass ich es gar nicht kannte. Peiker produziert hauptsächlich Mikrofone, derzeit vor allem Mikrofone für Freisprecheinrichtungen. Wenn Sie ein deutsches Auto fahren, haben Sie vermutlich eines von diesen Mikrofonen eingebaut. Das Unternehmen ist ein klassischer Hidden Champion.

Bei Peiker war man mir gegenüber sehr aufgeschlossen, was eigentlich untypisch für den Mittelstand ist. Die haben mich rumgeführt und mir alles gezeigt. Es war interessant zu sehen, dass dort die gleichen Innovationstechniken stattfinden, die man bei den Großen wie 3M oder Google erwartet, die das Thema in der Presse ja monopolisiert haben. Das Unternehmen räumt den Mitarbeitern etwa Freiräume ein, um ihre eigenen, spinnerten Projekte anzutreiben und gibt dafür auch Geld aus. Peiker nennt das „Jokerprojekte“. Wenn ich eine neue Idee habe, kann ich mir zehn Leute aus den verschiedenen Abteilungen zusammensuchen und es einfach mal ausprobieren. Daraus entstehen dann beispielweise neue Geschäftsfelder. Peiker entwickelt sich gerade von den Freisprecheinrichtungen weg und ist jetzt – wie in meinem Artikel beschrieben – mit dem eCall groß im Geschäft. Peiker will den Standard der Notrufzentrale im Auto zum Standard des Internets im Auto machen.

Schön war, dass das Unternehmen dieses Thema schon verfolgt hat, als das noch niemand sonst auf dem Schirm hatte. Sie saßen mit vielen anderen Nerds in Gremien und wussten deshalb schon früh, was im Jahr 2013 kommen wird. Sie haben sich dadurch rechtzeitig mit dem Neuen befasst und sind jetzt die Ersten, die das politisch geforderte Notrufsystem auf den Markt bringen. Das war eine tolle Geschichte.

Sie haben ja schon erwähnt, dass viele mittelständische Unternehmen ungern mit Journalisten reden und sich gar nicht gern in die Karten schauen lassen. War das bei Peiker anders, oder mussten Sie sich was einfallen lassen, um die Türen auf zu bekommen?

Gillies_Für ein mittelständisches Unternehmen ging die Tür bei Peiker relativ leicht auf. Normalerweise ist die Tür per se geschlossen. Die Hidden Champions lassen sich einfach nicht gern in die Karten schauen. Aber wie so häufig war das Medium selber der Türöffner: Ich habe dem Unternehmen vorab eine Ausgabe der „Automotive Agenda“ geschickt, die wirklich ein hervorragendes Produkt war. Das hat überzeugt.

Meine Persönlichkeit spielte natürlich auch eine Rolle. Der Pressebetreuer hat sich sehr genau angeschaut, wer da kommt. Da waren viele Vorbesprechungen nötig, um zu zeigen, dass wir nicht der „Spiegel“ sind und keinen Skandal suchen. Wir wollten ja wirklich sehen, was das Unternehmen macht.

Nach dieser ersten Hürde waren die Gesprächspartner sehr offen und haben mir viele sehr interessante Dinge gezeigt. Vieles wurde auch „unter drei“ gesagt, woran man sich als guter Journalist natürlich auch hält und dann nicht darüber schreibt. Die Dämme waren dann irgendwann gebrochen, und ich konnte mich sehr frei bewegen. Das passiert in einem großen Konzern sicher nicht, da bewegt man sich auf den festgelegten Pfaden, die für den Journalisten mental auf den Boden der Fabrik gezeichnet sind und die man nicht verlassen darf. Das ist der Vorteil beim Mittelstand: Wenn man das Vertrauen einmal gewonnen hat, dann wird einem auch sehr viel gezeigt.

Sie haben bereits über viele Innovationsthemen geschrieben. Sind Sie diese Thematik gezielt angegangen?

Gillies_Das hat sich mit der Zeit so entwickelt. In meiner Brust schlagen mehrere Herzen: Das eine ist das des Wirtschaftswissenschaftlers, auf der anderen Seite bin ich ein klassischer Nerd. Ich bin mit dem Computer groß geworden und habe meinen Commodore 64 geliebt. In den Romanen, die ich auch schreibe, ist Technik immer Thema. Daneben gibt es das journalistische Tagesgeschäft, das sich viel mit Wirtschaft, Logistik und richtigen Fachthemen befasst.

Wir verstehen unter Innovationsjournalismus unter anderem, dass ein Beitrag verschiedene Perspektiven besitzt, also nicht nur wirtschaftliche oder technische Aspekte eines Themas beleuchtet, sondern auch die kulturellen oder sozialen Aspekte miteinbezieht. Das haben Sie in Ihrem ausgezeichneten Artikel in vorbildlicher Weise geschafft. Wie gehen Sie dabei vor? Die meisten Journalisten haben ja einen fachlichen Hintergrund, der ihren Fokus auf das Thema bestimmt.

Gillies_Ich besitze auf der einen Seite eine Begeisterung für Technik und auf der anderen Seite jahrelange Erfahrung im Wirtschaftsjournalismus. Und weiß auch aus Erfahrung, dass die beste Idee nichts bringt, wenn sie nicht auch Akzeptanz am Markt findet. Auch da muss ich sagen, dass Peiker das wunderbar gelöst hat. Irgendwann ist das „Jokerprojekt“ vorbei, und der Chef schaut, ob der Joker sticht, ob da wirklich ein Markt vorhanden ist. Bei aller Technikbegeisterung muss man die Frage stellen, ob die Idee auch jemanden ernährt.

Ich mag das Wort Innovation auch gar nicht, weil es so nebulös ist. Es gibt ja sehr unterschiedliche Definitionen dafür. Viele Leute sagen, dass nur dann etwas eine Innovation ist, wenn es auch am Markt Erfolg hat. Ich spreche da lieber von der Idee, die vielleicht mal zum erfolgreichen Produkt wird.

Guter Innovationsjournalismus zeichnet sich unserer Meinung auch dadurch aus, frühzeitig auf solche Ideen aufmerksam zu werden. Nicht zu sagen, wer gerade welches neue Produkt auf den Markt gebracht hat, sondern dass ein Unternehmen dabei ist, eine neue Lösung zu finden, für die es vielleicht noch gar kein passendes Problem gibt. Wie werden Sie auf Ideen aufmerksam?

Gillies_„Idee“ klingt immer nach Musenkuss oder nach einer Glühbirne, die plötzlich über dem Kopf angeht. In der Realität sitzen die Peiker-Ingenieure auch nicht in ihrem kleinen Dorf im Taunus und warten darauf, dass ihnen etwas einfällt – sie gehen stattdessen ganz gezielt vor. Auf der ganzen Welt stecken ihre Leute tief im Markt, sitzen in allen IEEE-Konsortien, haben ihr Ohr auf der Schiene und hören, was für ein Zug da in fünf Jahren auf sie zukommen wird. Daraus entwickeln sich die Ideen: Erfolgreiche Unternehmen ziehen ihre Ideen aus einer präzisen, strategischen Marktbeobachtung.

Wie reagieren denn die Redaktionen auf Ihre Vorschläge, wenn Sie mit einem Thema kommen, das vielleicht erst übermorgen marktrelevant ist?

Gillies_Es gibt solche und solche. Unlängst wollte ich als Thema die Automatisierung von Wissensarbeit platzieren – Expertensysteme wie den „Watson“ von IBM etwa. Diese Systeme machen Wissensarbeit immer weiter überflüssig – teilweise auch die Arbeit, die Journalisten machen. Das ist ein schwieriges, unbequemes Thema. Daran konnte man gut erkennen, wie die Redaktionen ticken: Die einen haben gesehen, dass da in der Zukunft etwas kommt, das sie bringen müssen, die anderen haben gezweifelt und gesagt, das sei zu techniklastig. Schließlich geht es um Server und Algorithmen – und das sei zu weit weg von ihren Lesern.

Das ist letztlich eine Entscheidung, die man den Redaktionen nicht abnehmen kann. Aber ich weiß auch, dass ich einen Redakteur bei den „vdi-nachrichten“ am Telefon in nur 20 Sekunden überzeugen muss. Wenn ich aber mit dem gleichen Themenvorschlag ein Personalmagazin anrufe, weil es absolut relevant für die ist, dann muss ich vielleicht auch eine Viertelstunde auf den Redakteur einreden. Dann muss ich konkret sagen, dass in 20 Jahren der Computer entscheiden wird, wer eingestellt wird. Darauf müssen sich die Personaler bereits heute einstellen und zusehen, dass sie künftig noch einen wertschöpfenden Anteil daran haben können.

Es ist insgesamt sehr unterschiedlich, aber alles in allem ist die Akzeptanz solcher Themen in den vergangenen zehn Jahren besser geworden. Früher war eine ablehnende Haltung schon vorherrschend. In den 1980er-Jahren war Technik für die meisten Redaktionen ein rotes Tuch. Das hat sich etwas gelegt. Leute, die den ganzen Tag in sozialen Netzwerken sind und alle Daten auf Google Drive speichern, besitzen natürlich eine gewisse Technikoffenheit.

Was für persönliche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, der solche Themen einem Publikum vermitteln will?

Gilies_Neugier ist natürlich ebenso unerlässlich wie eine gewisse Offenheit den Innovationen gegenüber. Man glaubt schnell, eine Neuerung würde niemand benötigen. Ich habe in meiner Karriere selber oft erlebt, dass ich dachte: Das wird nichts – und damit daneben lag. Man lernt nach einer Zeit, die Dinge nicht sofort abzutun. Als die ersten Leute über Myspace sprachen, dachte ich, das sei Zeitverschwendung und dass sich nie jemand damit ernsthaft beschäftigen wird. Aber Social Media ist heute eine der wichtigsten Beschäftigungen für viele Leute.

Ein besonders gutes Technikverständnis bis in die Tiefe kann bei manchen Recherchen aber sogar schaden. So kommt es, dass der Widerstand gegen Innovationsthemen häufig von Ingenieuren kommt, die wissen, dass etwas nach heutigen Standards nicht geht. Ich fordere sie dann auf, weiter zu denken – was ist in 15 Jahren? An solchen Stellen ist der Quereinsteiger gefragt – ein Ingenieursstudium ist für diesen Beruf nicht zwingend notwendig.

Es gibt Leute wie etwa Peter Glaser, die ganz bewusst die Position einnehmen, keine Ahnung von einem Thema zu haben und ihr Gegenüber dazu auffordern, es zu erklären. Aus dieser Position heraus schreiben sie geniale Artikel, weil sie sich wunderbar in den Leser hineinversetzen können, der ja ebenfalls keine Ahnung hat.

Ich halte es für einen großen Fehler, ein Unternehmen zu besuchen und zu sagen, man hätte sich alles schon angelesen. Man sollte sich nicht schämen, eine dumme Frage zu stellen. Die Leute bei Peiker haben sich wahrscheinlich gedacht, dass ich gar keine Ahnung hätte – aber das hilft!

Constantin Gillies
Constantin Gillies, Jahrgang 1970, hat an der Universität Bonn Volkswirtschaft mit dem Abschluss Diplom-Volkswirt studiert und ist freier Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Seit 1998 ist er leitender Redakteur des Informationsdienstes „Trendscanner“, von 1999 bis 2003 war er Korrespondent der „Welt“ in Bonn. Seit 2011 ist Gillies fester Korrespondent der „Handelszeitung“ (Zürich).

Constatin Gillies arbeitet unter anderem für „Berliner Morgenpost“, „Computerwoche“, „Die Welt“, „FAZ“, „Hamburger Abendblatt“, „Handelsblatt“, „Impulse“, „vdi-nachrichten“, „Verkehrsrundschau“, „Welt am Sonntag“ und „Weltwoche“ (Zürich). Seine Themen sind Wirtschaft, Technologie und Internet.

Constantin Gillies wurde mit dem Deutschen Preis für Innovationsjournalismus 2013 in der Kategorie „Fachmedien“ ausgezeichnet.

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO David Weimann

Dieser Beitrag (Text) ist unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-ND 3.0 verfügbar. Einzelheiten auch unter Nutzungsbedingungen.

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