Christiane Götz-Sobel: „Wir versuchen Geschichten zu erzählen“

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ZDF-Journalistin Christiane Goetz-Sobel: „Wir berichten nicht über neue Produkte, sondern suchen nach Problemstellungen und deren Lösungsansätzen, die zu einer Innovation führen.“

Fernsehen ist weiterhin ein Leitmedium. Christiane Götz-Sobel ist für Wissenschaftssendungen im ZDF verantwortlich, mit denen sie auch im Hinblick auf die Bedeutung künftiger Innovationen Orientierungshilfe geben will. Im Interview plädiert sie für eine Verbesserung der Medienkompetenz des Publikums.

Frau Götz-Sobel, welche Rolle spielen Innovationen in den Sendungen, die Sie betreuen? 

Christiane Götz-Sobel_ Innovationen, neue Ideen sind per se das Ergebnis von Forschung. Dass etwas Neues erforscht wurde, bestimmt nicht schon deshalb den Inhalt unserer Sendungen. Wir schauen vielmehr auf die Fragen, Interessen und Motive unserer Zielgruppen: Was beschäftigt viele Menschen? Welche Themen sind bedeutsam, und wo können die Naturwissenschaften etwas zum Hintergrund und zum Verständnis beitragen? Es geht uns also eher um den Blick auf Wissenschaftsgebiete, die neue und richtungsweisende Perspektiven eröffnen, als etwa auf spezifische Produktentwicklungen.

Unsere Sendungen richten sich überwiegend an ein großes Publikum, an Menschen, die häufig noch nicht einmal wissenschaftsaffin sind. Die von uns produzierten Sendungen laufen zu unterschiedlichen Zeiten, um 19.30 Uhr am Sonntag, dienstags um 22.45 Uhr und Sonntagnacht um 1.50 Uhr – damit erreichen wir sehr unterschiedliche Zielgruppen. Gerade in der Primetime am Sonntag und am Dienstagabend setzen wir keine spezifischen Fachkenntnisse voraus. Wir versuchen dort, Menschen naturwissenschaftliche Themen näherzubringen, von denen wir denken, dass sie relevant sind.

Als Fachredaktion definieren wir auch Themengebiete, die noch nicht in der öffentlichen Diskussion sind, deren Einfluss aber zunehmen wird. Dann stellt sich uns die Frage, wo können wir anknüpfen, um beim Zuschauer Interesse für dieses Themenfeld zu wecken? Wie öffnen wir den Blick für die künftige Bedeutung?

Ist dann der Nutzwert einer Innovation für den Einzelnen oder die gesamtgesellschaftliche Relevanz wichtiger? 

Götz-Sobel_ Wichtig ist in unseren Formaten die gesamtgesellschaftliche Relevanz. Selbst am späten Dienstagabend erreichen wir 1,5 bis 2 Millionen Zuschauer und können somit nicht nur Partikularinteressen bedienen. Das Thema muss für ein größeres Publikum relevant sein. Wenn wir entsprechende Themen identifiziert haben, müssen wir sie in einer Form präsentieren, die auch interessierte Laien anspricht.

Die Intentionen des Publikums können dabei sehr unterschiedlich sein: Die Zuschauer können etwas lernen wollen, aber möglicherweise interessieren sie sich auch für Dinge, die relevant für ihren Alltag sind. Wissen Sie wo die Motivation Ihrer Zuschauerinnen und Zuschauer liegt?

Götz-Sobel_ Ich glaube, beide Aspekte spielen eine Rolle. Es gibt Entwicklungen, die viele Menschen direkt betreffen, und ein solches Thema kann Motivation sein, eine Sendung anzuschauen. Wir fragen uns aber auch, wie eine Entwicklung etwa unser Zusammenleben verändert, wie es die Kommunikation in Zukunft oder die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt bestimmt. Wir wollen das „große Ganze“ betrachten und nicht allein aus der Perspektive einer Fachdisziplin heraus erzählen.

Wir haben mit Harald Lesch einen Moderator, der Professor für Physik und Lehrbeauftragter für Philosophie ist, er ist Grenzgänger zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften. Das passt sehr gut mit der Grundidee unserer Sendungen zusammen. Das Aufzeigen von überraschenden Zusammenhängen macht sicher auch einen besonderen Reiz der Programme aus.

Wissenschaftsthemen sind meistens schon eher kompliziert, Innovation als Prozess ist meist noch komplexer. Das Fernsehen hingegen gilt als eher flüchtiges Bildermedium, in dem man nicht einfach noch mal zurückspulen kann, wenn man etwas nicht verstanden hat. Wie lässt sich diese Herausforderung Ihrer Ansicht nach am besten meistern? 

Götz-Sobel_ Es ist völlig klar, dass wir bei neuen technologischen Entwicklungen nicht den Anspruch haben können, dass Zuschauer nach der Sendung genau wissen, wie etwas funktioniert. Das kann auch nicht unser Ziel sein.

Unser Ansatz ist vielmehr, Entscheidungs- und Orientierungshilfe zu geben und dabei manchmal auch noch zu unterhalten. Wir versuchen Geschichten zu erzählen. Dafür konzentrieren wir uns auf Kernaussagen, die wir den Zuschauern mit unseren Geschichten vermitteln wollen. Die Herausforderung ist, einen Anknüpfungspunkt zu finden, der die Geschichte an die Interessenssphäre der Zuschauer andockt.

Im Fernsehen brauchen Sie Bilder, um Geschichten zu erzählen. Wissenschaft spielt sich mittlerweile immer mehr in den Tiefen der Rechner ab. Gibt es Geschichten, die Sie für relevant halten, aber einfach nicht zu bebildern sind? 

Götz-Sobel_ Bislang haben wir aus solchen Gründen noch kein Thema ganz ausgelassen. Wenn wir ein relevantes Thema ausgemacht haben, überlegen wir, wie wir es erzählen können. Mit einer starken (Forschungs-)Geschichte und Animationen kann man vieles interessant und anschaulich machen. Dennoch entscheidet die Komplexität mit über die Tiefe, in der wir ein Thema behandeln. Je nach Sendeplatz und Zielgruppe spielt die Bildstärke eine mehr oder minder große Rolle.

Unser Format sonntagnachts zum Beispiel ist ein reines „Harald-Lesch-Format“, in dem er Geschichten aus der Wissenschaft erzählt. Die sind in der Regel fachlich recht anspruchsvoll, wir haben dennoch zwischen 100.000 und 300.000 Zuschauer in der Nacht. Offensichtlich fühlen sich Menschen durchaus angesprochen – obwohl ein spezielles Interesse sicher Voraussetzung ist.

Was muss ein Redakteur mitbringen, der Innovation vermitteln will? Sie haben ja selber auch Biologie, Mathematik, Pädagogik und Publizistik studiert.

Götz-Sobel_ In der Redaktion haben fast alle Redakteurinnen und Redakteure ein naturwissenschaftliches Studium. Erst im zweiten Schritt haben sie sich für den Journalismus entschieden. Wir haben im Team ein breites naturwissenschaftliches Fundament, das uns hilft, Fachthemen inhaltlich relativ schnell zu erschließen. Für unsere Sendungen ist es aber entscheidend, auch die Bezüge zu anderen Fachgebieten zu erkennen, zu sehen, wie vernetzt die großen Themen sind.

Beim Thema Mobilität beispielsweise fragen wir uns, inwiefern autonome Systeme die Mobilität der Zukunft beeinflussen. Was wird in den Unternehmen entwickelt? Darüber hinaus ist aber die Frage brisant, warum Mobilität so wichtig ist und was es bedeutet, wenn wir uns von Systemen abhängig machen. Auch der psychosoziale Aspekt gehört zu einem Gesamtbild.

Wir halten ein ressortübergreifendes Denken für sehr wünschenswert. Wäre es für Ihre Redaktion nicht  sinnvoll auch – beispielsweise – einen Theologen und einen Juristen zu haben?

Götz-Sobel_ Klar, wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich mir natürlich generell ein größeres Team für das gleiche Sendevolumen wünschen. Aber gerade bei einem verhältnismäßig kleinen Team ist es wichtig, dass sich jeder Themengebiete rasch und sicher erschließen kann. Voraussetzung für den Blick über den Tellerrand und ein Gespür für die Bedeutung einer Entwicklung ist zudem eine breite Allgemeinbildung.

Es gehört einfach dazu, sich über das eigene Sachgebiet hinaus umzuschauen. Wir sehen uns in der Pflicht, Neuigkeiten aus den Fachwissenschaften an eine breite Öffentlichkeit zu bringen und dabei immer auch die Zusammenhänge darzustellen. Wir wollen zeigen, was einzelne Fachwissenschaften zum großen Ganzen beitragen. Und: wir wollen ein Gespür dafür vermitteln, was die naturwissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse sind – und wo Interessen und Bewertungen eine Rolle spielen.

Sehen Sie bei der Beobachtung anderer Medien Defizite in der Qualifikation von Journalisten?

Götz-Sobel_ Der Effizienzdruck ist in den vergangenen zehn Jahren gewachsen. Das spüren wir hier, aber das spüren die Kollegen im Printbereich sicher noch mehr. Da ist es nötig, sich sehr schnell in ein neues Thema einzuarbeiten. Ich sehe bei den Kollegen, dass sie immer weniger Zeit haben, einen Fachkongress zu besuchen, nur um bei einem Thema auf dem neuesten Stand zu bleiben. Die Fragen, die sich sofort stellen: „Was mache ich daraus? Kann ich das in einen Beitrag umsetzen?“

Langfristig leidet darunter die journalistische Qualität. Guten Wissenschaftsjournalismus muss man sich leisten wollen. Und auch Leser, Hörer, Zuschauer oder User sollten journalistische Qualität wertschätzen.

Haben Sie eine Idee, wie man das erreichen könnte?

Götz-Sobel_ Ich habe ja eine Vergangenheit als Lehrerin und glaube, dass man schon in der Schule etwas erreichen kann. Beispielsweise ist die Internetrecherche für Facharbeiten inzwischen selbstverständlich. Aber es wäre wichtig, Schülern auch zu vermitteln, dass nicht jede im Netz aufgestöberte Information den gleichen Wert hat, dass man nicht jeder Quelle vertrauen sollte und wie man etwa die Verlässlichkeit einer Quelle überprüft. Da gilt es, das kritische Denken zu schulen.

Wenn es um Innovation geht, will meist irgendjemand damit Geld verdienen. Wie sehen Sie da Ihre Rolle in Bezug auf den Erfolg einer Innovation? 

Götz-Sobel_ Die Frage ist, wie man als Journalist den Wert einer Innovation beurteilt. Wir berichten nicht über neue Produkte, weil sie gerade neu sind, sondern zeigen Problemstellungen auf und suchen nach Lösungsansätzen. Vor einigen Wochen hatten wir zum Beispiel eine Sendung über die Entwicklung des Geschmacks. Warum schmeckt uns manches, anderes nicht? Warum ist das in anderen Kulturen anders? Wo kommt der Geschmack her, und wie entwickelt er sich? Welches ist der evolutionsbiologische Hintergrund? In diesem Zusammenhang haben wir auch über technologische Entwicklungen und Innovationen berichtet, die es mit Blick auf die Ernährung der Zukunft gibt. Der wachsende Nahrungsbedarf der Weltbevölkerung erfordert womöglich neue Wege. So haben zum Beispiel Westeuropäer eine Abneigung gegen Insekten auf dem Teller. Nun gibt es ein Forschungsprojekt, um Proteine von Insekten für die Ernährung nutzbar zu machen. Eiweiße mit Hilfe von Insekten herzustellen ist sehr viel effizienter und umweltschonender als Eiweiße aus Fleisch durch Viehzucht.

In einer anderen Sendung zeigen wir beispielsweise, welche Bestrebungen es gibt, CO2 als Rohstoff für Produkte zu nutzen, die bislang auf der Basis von Erdöl hergestellt werden. Seit den 1950er-Jahren redet man vom Ende des Ölzeitalters, aber wir bauen immer noch auf Erdöl. Das Ölzeitalter wird zu Ende gehen, auch wenn wir es mit neuen Technologien und großem Aufwand verlängern können. In der Sendung zeigen wir Projekte, wie CO2 aus Rauchgas von Kraftwerken genutzt werden kann, um daraus etwa Schaum- und Dämmstoffe herzustellen.

Die Frage ist, ob Sie daran mitwirken, dass eine Innovation sich durchsetzt? Ist es eine Überlegung, zu berichten oder nicht zu berichten, wenn man so gar nicht hinter einer Idee steht? Bei allem journalistischen Neutralitätsanspruch hat man ja trotzdem eine Meinung zu einem Thema.

Götz-Sobel_ Bei dem zuletzt genannten Beispiel wird schon klar, dass es wichtig ist, diese Dinge zu befördern, weil sie für die künftige wirtschaftliche Entwicklung relevant sind. Über schwindende Ressourcen und mögliche Alternativen nachzudenken und entsprechende Innovationen aufzuspüren, ist schlicht notwendig, weil uns das Thema sonst eines Tages salopp gesagt auf die Füße fällt. Aber es mag auch Innovationen geben, bei denen wir sehen, dass das Produkt uns nicht wirklich voranbringt, sondern es in erster Linie dem wirtschaftlichen Interesse eines Unternehmens dient.

Wir diskutieren aktuelle Entwicklungen, allerdings ist unser Ansatz eher, ein bedeutsames Problem aufzugreifen und den Beitrag von Naturwissenschaft und Technik zu seiner Lösung zu beleuchten.

Wie stoßen Sie auf die Themen und wie legen Sie den richtigen Zeitpunkt fest, um darüber zu berichten? 

Götz-Sobel_ Wir produzieren kein tages- oder wochenaktuelles Magazin. Wir versuchen zu erspüren, welche Entwicklungen länger tragen, weil sie relevant sind, welche Themen latent aktuell sind. Unser Ziel ist, Orientierung in einer Diskussion zu bieten.

Wir haben eine monatliche Konferenz, in der wir unter anderem kritisch auf die letzte Sendung sehen und diskutieren, was ansteht. In größeren Abständen gibt es Themenkonferenzen, in denen die Kolleginnen und Kollegen Themen pitchen, die ihrer Meinung nach in den nächsten Monaten relevant werden. Aus dem Diskurs entwickeln sich dann die konkreten Themen der Sendungen.  Das ist natürlich anders als in der aktuellen Berichterstattung, in der morgens ein Thema entsteht und es abends ein Nachrichtenstück dazu gibt. Wir haben längere Vorläufe und auch andere Gestaltungsmöglichkeiten. Sechs Wochen vor der Sendung steht das Thema normalerweise fest. Aktuelle Ereignisse, die das Vorhaben  berühren, lassen sich bei der Entwicklung bis zum Sendetermin aber immer noch berücksichtigen.

Gibt es ein Thema, das aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren hoch relevant werden wird, im Moment aber  in den Medien noch wenig Beachtung findet?

Götz-Sobel_Große Themen, die sicherlich bleiben werden, sind die Energie der Zukunft und in diesem Kontext die Frage nach dem Umgang mit radioaktiven Abfällen: Bringt Transmutation uns tatsächlich einmal einen großen Schritt nach vorne? Die Frage der Zukunft der Ernährung wird uns auch noch lange beschäftigen. Außerdem wird uns die Veränderung von Kommunikation und auch von Mobilität künftig noch fordern. Wir bleiben dran an Innovationen und deren Auswirkungen auf unser Zusammenleben.

 

Christiane Götz-Sobel, Jahrgang 1956, ist Leiterin der ZDF-Redaktion „Naturwissenschaft und Technik“. Christiane Götz-Sobel studierte Biologie, Mathematik, Pädagogik und Publizistik und ist seit 1990 Redakteurin beim ZDF, zunächst bei „Abenteuer Forschung“ und der „Knoff-hoff-Show“.

Von 1993 bis 2000 war sie Redakteurin, Autorin und Chefin vom Dienst des ZDF-Wirtschaftsmagazins „WISO“ mit den Schwerpunkten Gesundheits-, Umwelt- und Forschungspolitik. In dieser Zeit realisierte sie Dokumentationen und Filmbeiträge unter anderem zu Entwicklungen in der Bio- und Gentechnik.

Von 2001 bis 2008 war Christiane Götz-Sobel Redakteurin und Chefin vom Dienst des ZDF-Magazins „Abenteuer Wissen“, seit April 2008 ist sie Leiterin der ZDF-Redaktion „Naturwissenschaft und Technik“. Christiane Götz-Sobel ist außerdem Mitglied im Beirat der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK).

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO ZDF

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