CHRISTIAN PREISER // Innovationsjournalismus: Hype oder Heiland?


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Fortschreitende Technisierung, sozialer Wandel, Bürgerdemokratie, die Welt als Netzwerk: Die Themen für Innovationsjournalismus liegen auf der Straße

Die Themen für guten Innovationsjournalismus lägen auf der Straße, findet Christian Preiser, Journalist und Mitbegründer der Medien-Initiative „Forum Qualitätsjournalismus“. In seinem Kommentar argumentiert er, dass Innovationsjournalismus seine Kraft aus der Rückbesinnung auf klassische journalistische Grundsätze ziehen müsse.

Von wegen Medien im Wandel: Auch im neuen Jahr bleibt uns die alte Krise erhalten. Für die lustvoll jammernden Auguren der journalistischen Apokalypse ist das eine prima Nachricht. Für alle anderen gilt: Auch 2013 geht die Suche nach den möglichen (Über-)Lebensmodellen für den Journalismus der Zukunft weiter. Welche Rolle kann, soll und muss der Innovationsjournalismus dabei spielen? Wird er dazu beitragen, den Journalismus insgesamt zu stärken – quantitativ wie qualitativ? An Ambition und Selbstbewusstsein fehlt es der noch jungen journalistischen Disziplin jedenfalls nicht: Mit dem Anspruch, gesellschaftliche Veränderungsprozesse begleiten, analysieren, bewerten und damit der Öffentlichkeit Orientierung geben zu wollen, stellt sich der Innovationsjournalismus ganz in die publizistische Tradition der investigativen Aufklärer von Georg Büchner über Günter Wallraff bis Hans Leyendecker.
 
Freilich lehrt die Erfahrung: Wer die Messlatte so hoch legt, kommt auch problemlos drunter durch. Ob sich der Innovationsjournalismus für die Medienzunft der Zukunft zum Heiland mausert oder als Hype verpufft, wird davon abhängen, ob und welche journalistisch-publizistische Relevanz und Wirkmächtigkeit er entfalten kann. Was schon immer für jeden neuen journalistischen Trend galt, gilt umso mehr in Zeiten, da die Medien kriseln und kränkeln. So paradox es klingen mag: Seine innovative Kraft muss der Innovationsjournalismus aus der konsequenten Rückbesinnung auf die klassischen journalistischen Qualitäten, Werte und Tugenden ziehen. Ob Originalität bei der Wahl relevanter und aktueller Berichtsthemen, Unabhängigkeit und Ausgewogenheit in der Recherche oder Präzision in und Lust an der Darstellung – auch Innovationsjournalismus lebt vom Beherrschen der Handwerkskunst aus 95 Prozent Transpiration und 5 Prozent Inspiration.
 
Der Mühe wert könnte die Qual um Qualität durchaus sein. Denn die Themen für seriös und solide gemachten Innovationsjournalismus liegen auf der Straße. Es sind die Megathemen einer modernen, ausdifferenzierten und globalisierten Gesellschaft: fortschreitende Technisierung, sozialer Wandel, Bürgerdemokratie, die Welt als Netzwerk. Der Innovationsjournalismus muss sich daher keine eigene Agenda suchen. Sondern nur genau hinsehen, nachhaken und aufschreiben – interdisziplinär, ressortübergreifend und ohne Respekt vor den falschen Propheten des Untergangs.

TEXT Christian Preiser | REDAKTION Andreas Schümchen | FOTO Nordreisender/PHOTOCASE

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