Alexander von Streit: „Dinge zeigen, die die Welt verändern können“

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Deutsche „Wired“: „Hoher Anspruch, was die Thementiefe angeht“

In den USA ist „Wired“ seit den 1990er-Jahren ein Kultmagazin für Nerds und Geeks, das sich mit Technik, Netzkultur, Design, Architektur und Politik beschäftigt. Im Jahr 2011 startete Condé Nast eine deutschsprachige Ausgabe der Zeitschrift, zunächst als Experiment. Chefredakteur Alexander von Streit erklärt, was „Wired“-Themen ausmacht und wie sie entstehen.

Es gibt in Deutschland nicht viele Magazine, die hauptsächlich über Innovation berichten. „Wired“ gehört dem Konzept nach dazu. Wie sieht in Ihren Augen ein typisches „Wired“-Thema aus?

Alexander von Streit_Es sind Geschichten, die man in dieser Form woanders nicht findet. Denn „Wired“ behandelt Themen unter einem speziellen Blickwinkel: „Wired“ versteht sich als Magazin für Popkultur – was an der Schnittstelle zwischen Technologie und Wirtschaft recht ungewöhnlich ist. Zum anderen geht unser Blick über den Horizont hinaus – und da ist Innovation extrem wichtig. Wir zeigen, was in ein paar Jahren kommt.

Was ist der richtige Zeitpunkt, um das zu zeigen?

von Streit_Es gibt keine starre Regel, an der wir die Entscheidung fest machen. Letztlich arbeiten wir das in langen Diskussionen aus. In der Redaktion sitzen erfahrene Journalisten, die sehr weit nach vorne blicken. Was andere Leute als Innovation empfinden, ist für uns manchmal gar nicht mehr so innovativ. Deshalb entscheiden wir uns oftmals mal gegen Themen, die bereits in der medialen Diskussion stehen. Wenn wir jedoch einen spannenden Aspekt finden, machen wir sie trotzdem und eröffnen den Lesern so einen neuen Blickwinkel auf das Thema. Im Endeffekt zeigt „Wired“ immer wieder Ideen, die die Welt verändern könnten. Und wir sind auch mutig genug, das so auszusprechen – auch, wenn es dann nicht immer genau so passiert. Wir wollen zum Denken anregen.

Die deutsche „Wired“-Ausgabe erscheint nur zweimal im Jahr, da müssen die Themen sechs Monate interessant bleiben. Die Titelstory der Ausgabe 1/2013 über die Entwicklung des mobilen Firefox-Betriebssystems etwa war sehr aktuell, ist aber drei Monate später immer noch relevant. Wie findet man solche Geschichten?

von Streit_Wir haben einen sehr breiten Radar. Wir beobachten unsere Quellen, besuchen Konferenzen, sprechen mit Menschen und machen Brainstorming, so wie jede Redaktion das macht. Wir arbeiten außerdem eng mit einem Autorenpool zusammen, der uns Themen liefert. Bei der Mozilla-Story stand der Launch des Smartphone-Betriebssystems an. Und wir hatten gute Kontakte, die uns einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Software ermöglicht haben. Der Launch an sich war allerdings eher für die Fachwelt relevant – wir haben uns gefragt, was passiert, wenn Mozilla wirklich Erfolg hat. Wird sich das Firefox-Prinzip wiederholen? Immerhin hatte in der Vergangenheit das Aufbrechen des Internet-Explorer-Monopols den ganzen Browser-Markt und auch das Denken über offene Software verändert. Es ging also darum, welche Veränderungen es im mobilen Bereich durch das Mozilla-Betriebssystem geben wird, auch im Zusammenhang mit der Zugangsdebatte. In so fern war das Thema sehr geeignet.

Jede Innovation hat verschiedene Facetten: Es gibt die Technik, es gibt eine wirtschaftliche Dimension, möglicherweise kulturelle Auswirkungen. Wie kann ein Autor all diese Aspekte unter einen Hut bringen?

von Streit_Die Krux des Printjournalismus ist natürlich, dass der Platz begrenzt ist. Man muss sich immer auf bestimmte Aspekte fokussieren. Wir versuchen, die für unseren Ansatz wirklich relevanten Aspekte herauszuarbeiten. Darüber diskutieren wir auch sehr lange. Wir können im Heft keine Bücher schreiben, unsere längsten Texte sind derzeit acht bis zehn Seiten lang. In der US-„Wired“ sind manche Geschichten noch einmal um die Hälfte länger, aber steigen dabei nicht unbedingt tiefer in die Materie ein. Das liegt eher an der sehr prosaischen Erzählform des amerikanischen Journalismus, die teils redundant immer wieder auf dieselben Aspekte zurückkommt.

Wie viel Aufwand kann ein „Wired“-Autor betreiben?

von Streit_Sehr viel Aufwand, wenn es sich lohnt. Zwar können wir Autoren nicht in Vollzeit für sechs Monate auf Recherche schicken, wir zahlen aber anständige Honorare, die es möglich machen, gute Geschichten zu schreiben. Allerdings haben wir auch sehr hohe Erwartungen an die Autoren.

Hat „Wired“ in Deutschland eine Nische gefunden, die funktioniert?

von Streit_Das Segment, das „Wired“ bedient, gab es vorher auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt nicht. Manche bewegen sich in ähnlichen Themenumfeldern wie wir, beispielsweise „Business Punk“ oder „Technology Review“, aber immer mit einer anderen Herangehensweise. „Wired“ ist schließlich im weitesten Sinne ein Publikumsmagazin für eine Welt, die sich gerade durch die Digitalisierung komplett verändert. Diese Veränderungen versuchen wir zu begleiten.
Das Problem ist natürlich, so eine Nische erst einmal zu etablieren, wenn es noch gar keine entsprechenden Ankerpunkte am Kiosk gibt. Wir sind das erste Magazin, das diese Themenbreite aus diesem Blickwinkel besitzt. In den USA hat „Wired“ diese Nische in seinem 20-jährigen Bestehen auf dem Medienmarkt etabliert, das müssen wir hier noch schaffen.

Wie stellt sich die Redaktion den typischen „Wired“-Leser vor?

von Streit_Wir wissen, dass der männliche Leseanteil sehr hoch ist. Es sind Leute, die schon mit einer gewissen Nerd-Affinität an die Themen heran gehen. Die interessieren sich nicht für die flache Berichterstattung, die beispielsweise der „Spiegel“ über digitalkulturelle Phänomene bietet, sondern haben einen hohen Anspruch an uns, was die Thementiefe angeht. Wenn ich mir unsere Fans auf Facebook anschaue, dann ergibt sich schon ein sehr heterogenes Bild, da ist alles dabei.

Wie sehen die weitere Pläne für „Wired“ in Deutschland aus?

von Streit_Wir arbeiten bereits an der nächsten Ausgabe 2013, die im September erscheinen wird. Das ist der aktuelle Stand. Ob es im kommenden Jahr bei dieser Erscheinungsfrequenz bleibt, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Ist die Marke „Wired“ nur ein Vorteil oder besitzt sie auch Nachteile? Es sind ja sicher bestimmte Erwartungen damit verbunden.

von Streit_Für alle, die im Team mitarbeiten, ist „Wired“ ein echtes Herzblutprojekt, wir lieben diese Marke. Und viele Leser haben lange auf eine deutsche Ausgabe gewartet. Damit sind natürlich auch gewaltige Erwartungen verbunden – etwa von denen, die „Wired“ aus den USA kennen und uns daran messen. Daher reiben sich einige Leser natürlich an unseren Geschichten: Die einen finden, wir gingen zu tief rein, die anderen finden das Heft zu flach; manche finden die Geschichten zu lang, dann hören wir wieder von anderer Seite, sie seien zu kurz; die einen finden ein Thema zu alt, die anderen zu früh. Das zeigt, wie sehr sich die Leser mit der Marke und dem Heft auseinandersetzen.

Wie funktioniert die Redaktion ganz konkret? Sie besteht ja ausschließlich aus freien Mitarbeitern.

von Streit_Im Moment dauert die Produktion gut zwei Monate. Es geht immer mit einer Planungsphase los, in der Redaktion und Art Department von Anfang an eng zusammenarbeiten. Wir formen dann langsam die Ausgabe. Ich bin als Chefredakteur natürlich tiefer und auch während der produktionsfreien Phasen involviert.

Wie hat sich das Team gefunden?

von Streit_Wir haben nie eine offizielle Ausschreibung gemacht, sondern die passenden Leute über unsere Netzwerke zusammengestellt. Abgesehen von kleinen Wechseln ist das Team seit der zweiten Ausgabe relativ konstant.

Was macht eine gute Innovationsgeschichte aus?

von Streit_Sie muss auf jeden Fall etwas Neues erzählen. Neu kann der gesamte Sachverhalt sein, aber auch nur ein Blickwinkel oder die Erzählform. Ein Beispiel: Als Kim Schmitz in Neuseeland verhaftet worden ist, begannen wir gerade mit der Produktion der ersten Ausgabe 2012. Es war spektakulär, wie der große Plattformkönig da festgenommen worden ist – das war natürlich ein absolutes „Wired“-Thema. Kim Schmitz ist als Typ ja schon interessant, dann kam die Verhaftung und die ganze Problematik Unterhaltungsindustrie versus Urheberrechtsverletzung hinzu. Aber es war klar, dass die Geschichte bis April tot sein würde, weil alle anderen das Thema sehr groß aufziehen und von allen Seiten durchnudeln werden. Wir sind dann aber darauf gekommen, dass die Schmitz-Story so schräg ist, dass es schon fast wie ein Comic wirkt – und haben beschlossen, sie als Graphic Novel zu bringen. Wir haben dann einen renommierten US-Comic-Zeichner beauftragt, diese Geschichte zu zeichnen. Das hat für mich viele Kriterien erfüllt: Es war unterhaltend und hat das Thema auf neue Art und Weise erzählt, was einen neuen Zugang eröffnet hat. Dadurch hat es die Legitimation bekommen, die Geschichte zu erzählen.

Haben es Technikthemen in Deutschland besonders schwer?

von Streit_Ich glaube das mittlerweile nicht mehr. Technik ist ein sehr wichtiger Teil unseres Alltags geworden und darum haben alle ein Grundinteresse an solchen Themen. Sie sehen das ja auch an den Titelgeschichten der großen Medien: Ganze Dossiers über Phänomene wie Facebook, Google oder das Thema „Privatsphäre“. Das Publikumsinteresse ist da. In den USA gibt es allerdings noch einmal eine ganz andere Kultur für Technik, weil dort auch die Forschungseinrichtungen mit ihren Themen viel stärker in der Öffentlichkeit präsent sind. In Deutschland versteckt sich viel in den Laboren der Unternehmen. Auch hier gibt es langsam aber immer mehr Inkubatoren, die nachziehen. Da wird sich noch einiges ändern.

Foto Alexander von Streit - Credit Conde Nast-webAlexander von Streit
Alexander von Streit, Jahrgang 1970, studierte Politische Wissenschaften, Soziologie und Sozialpsychologie in München und absolvierte ein Volontariat bei der „Frankfurter Rundschau“. Er war unter anderem Chefredakteur des Medienmagazins „Cover“, Ressortleiter Digital bei Focus-Online, Redaktionsleiter von Hyperland und ist Gründer und Herausgeber des Non-Profit-Online-Portals „Vocer“. Von Streit ist seit 2012 Chefredakteur der deutschen „Wired“.

INTERVIEW Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg | FOTO Condé Nast

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